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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Zlatko
Die Illusion Des Verstehens

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6 Stunden 25 Minuten
Zlatko
Es Ist Zeit Mit Den Mythen Ueber Autismus Aufzuraeumen

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Materialien – Perspektiven

Es ist Zeit, mit den Mythen über Autismus aufzuräumen

Die Geschichte des Autismus ist auch eine Geschichte von Irrtümern. Immer wieder wurden Annahmen von medizinischen Autoritäten als gesicherte Erkenntnisse behandelt, prägten das gesellschaftliche Bild – und erwiesen sich später als falsch. Dieses Muster hat sich über Jahrzehnte hinweg wiederholt, oft mit schweren Folgen für autistische Menschen und ihre Familien.

Ein besonders einflussreicher Irrtum geht auf Leo Kanner zurück, der lange als zentraler Entdecker des Autismus galt. Wie Silberman bei der Arbeit an NeuroTribes herausfand, hält dieser Anspruch einer genaueren historischen Prüfung nicht stand; frühere Beiträge wurden unterschätzt oder übergangen. Noch problematischer waren jedoch Kanners inhaltliche Positionen. 1948 machte er in einem Beitrag für Time die Eltern seiner Patienten verantwortlich und erklärte mangelnde Zuwendung zur Ursache des Autismus. Das Bild der „Kühlschrankmutter“ setzte sich fest und wirkte über Jahrzehnte nach: Zwei Generationen von Kindern wurden in Einrichtungen untergebracht, wo sie Bestrafung, Fixierungen und brutalen experimentellen Verfahren ausgesetzt waren.

Mehrere schädliche Mythen über Autismus halten sich bis heute

Dass Kanners These jeder Grundlage entbehrt, gilt heute als gesichert. Dennoch sind andere Fehlvorstellungen erstaunlich widerstandsfähig geblieben. Sie lenken Forschungsgelder in fragwürdige Richtungen, prägen politische Entscheidungen, binden Ressourcen von Familien und verzerren das Bild, das sich die Gesellschaft von Autismus macht.

Silberman benennt vier besonders folgenreiche dieser Irrtümer:

Mythos 1: Früher war Autismus selten, heute ist er häufig

In vielen Onlineforen kursieren alarmierende Zahlenvergleiche: In den 1970er-Jahren sei Autismus bei etwa einem von 10.000 Kindern diagnostiziert worden, heute bei einem von 68. Solche Gegenüberstellungen wirken eindeutig – sind es aber nicht.

Ein Teil der Debatte sucht die Ursache in Impfungen und beruft sich dabei auf die inzwischen diskreditierte Veröffentlichung des Gastroenterologen Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998. Darin wurde ein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und einer angeblichen Darmerkrankung behauptet. Diese Behauptung ist widerlegt, von Mitautoren zurückgezogen und von The Lancet offiziell revidiert worden.

Der Anstieg der Diagnosen erklärt sich vor allem anders: Heute wird ein sehr viel breiteres Spektrum überhaupt erkannt. Bis in die 1980er-Jahre existierte keine entsprechende Kategorie; Autismus war eng definiert und erschien deshalb selten. Auch hier wirkte Kanner prägend, indem er darauf bestand, Diagnosen nur dann zu stellen, wenn Kinder exakt seinem ursprünglichen Beschreibungsmodell entsprachen. Er selbst berichtete, den Großteil der vorgestellten Fälle zurückgewiesen zu haben.

Die Folgen waren konkret spürbar. Familien mussten oft mehrere Fachstellen aufsuchen, bevor sie überhaupt eine Diagnose erhielten. Für viele war das finanziell nicht zu leisten. Besonders betroffen waren Familien mit geringem Einkommen sowie Kinder, die nicht in das damalige Raster passten – darunter viele Mädchen, die lange Zeit kaum erfasst wurden.

Eine entscheidende Verschiebung brachte die britische Psychiaterin Lorna Wing. Ausgehend von ihrer Erfahrung als Mutter eines schwer beeinträchtigten Kindes entwickelte sie Ende der 1980er-Jahre die Vorstellung eines Kontinuums, das später als „Spektrum“ bezeichnet wurde. Kurz darauf führte sie auch den Begriff des Asperger-Syndroms ein. Beide Ansätze fanden rasch Verbreitung, weil sie die Vielfalt der Erscheinungsformen besser erfassten als das enge Modell Kanners. Gleichzeitig wurde klar formuliert: Autismus ist eine lebenslange Entwicklungsform – keine seltene frühkindliche Psychose.

Als Silberman Wing 2011 interviewte, widersprach sie der Impfthese entschieden und erklärte die steigenden Zahlen als Folge veränderter Diagnostik: Es gehe nicht um mehr Fälle, sondern um ein anderes Verständnis.

Trotzdem richtet sich ein erheblicher Teil der Forschung – etwa bei Organisationen wie den National Institutes of Health oder Autism Speaks – weiterhin auf die Suche nach möglichen Umweltursachen. Dadurch geraten die unmittelbaren Bedürfnisse der Betroffenen leicht aus dem Blick: medizinische Versorgung, Wohnmöglichkeiten, berufliche Perspektiven. Anders setzt die National Autistic Society ihre Prioritäten und konzentriert sich stärker auf konkrete Verbesserungen im Alltag.


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Mythos 2: Menschen mit Autismus fehlt Empathie

In früheren Generationen wurden autistische Menschen in Fachtexten und Medien oft als gefühllos beschrieben – als Wesen ohne Mitgefühl. Solche Zuschreibungen haben sich tief eingeprägt.

Die Realität zeigt ein anderes Bild. Viele Menschen im Autismus-Spektrum reagieren sehr sensibel auf die Gefühle ihrer Umgebung, manchmal so stark, dass es sie überfordert. Die Schwierigkeit liegt weniger im Mitgefühl selbst als im Lesen sozialer Signale – jener feinen Veränderungen in Mimik, Körpersprache und Stimme, die für neurotypische Menschen selbstverständlich sind.

Die Annahme eines Empathiemangels blieb dennoch wirkmächtig und diente als Grundlage für zahlreiche Verzerrungen und Ungerechtigkeiten, etwa für die immer wieder geäußerte Behauptung, unter Gewalttätern befänden sich überproportional viele Autisten.

Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass das Verstehen nicht einseitig ist. Auch nicht-autistische Menschen stoßen an Grenzen, wenn es darum geht, die Wahrnehmung und Denkweise autistischer Personen nachzuvollziehen. Für Kinder im Spektrum können visuelle Hilfsmittel wie „soziale Geschichten“ den Zugang zu sozialen Situationen erleichtern. Umgekehrt entsteht Verständnis oft dort, wo Begegnung stattfindet – in Umgebungen, die nicht von Überreizung geprägt sind.

Empathie entsteht in beide Richtungen.

Mythos 3: Ziel sollte sein, autistische Kinder „von ihren Altersgenossen nicht zu unterscheiden“

In den 1980er-Jahren sorgte der UCLA-Psychologe Ole Ivar Lovaas für enorme Aufmerksamkeit. Er behauptete, manche Kinder ließen sich durch jahrelanges intensives Verhaltenstraining so weit formen, dass sie von typisch entwickelten Gleichaltrigen nicht mehr zu unterscheiden seien. Aus diesem Ansatz entwickelte sich die Methode der Applied Behaviour Analysis (ABA), die bis heute weltweit als eine der am häufigsten eingesetzten Frühinterventionen gilt.

Doch dieser Ansatz wirft erhebliche Probleme auf. Schon das ursprüngliche Modell ist für die meisten Familien kaum umsetzbar: Es verlangte die Einbindung aller wichtigen Bezugspersonen in sämtlichen Lebensbereichen des Kindes – ein logistischer und finanzieller Aufwand, der nur selten zu leisten ist. Auch die heute üblichen Empfehlungen von rund 40 Stunden Therapie pro Woche stellen für viele Familien eine massive Belastung dar.

Hinzu kommt, dass Lovaas den Erfolg seiner Methode überzeichnet hat. Seine frühere Kollegin Christine Lord, eine der führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet, stellte später klar, dass die in den Medien verbreiteten Berichte über eine angebliche „Rückkehr zur Normalität“ nicht den tatsächlichen Ergebnissen entsprachen und keinesfalls als wissenschaftlicher Beleg gelten können.

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Auch aus der Perspektive Betroffener selbst ergibt sich ein anderes Bild. Einige autistische Erwachsene beschreiben ihre Erfahrungen mit solchen Programmen rückblickend als belastend oder sogar traumatisch. So schreibt Julia Bascom in ihrem Essay Quiet Hands: Als Kind habe sie gelernt, sich anzupassen – nicht, weil es ihr half, sondern weil es von ihr verlangt wurde. Therapie habe sich dabei oft nicht von Zwang unterschieden.

Diese Methoden behandeln den Menschen als Problem – nicht als Person

Der Ansatz selbst steht zunehmend in der Kritik. Der Sprachwissenschaftler Barry Prizant, Mitentwickler eines alternativen pädagogischen Modells, plädiert für einen grundlegenden Perspektivwechsel. In seinem Buch Uniquely Human beschreibt er Verhaltensweisen wie Händeflattern oder Echolalie nicht als Symptome einer Störung, sondern als Strategien, mit einer als chaotisch und überwältigend erlebten Umwelt umzugehen.

Der Versuch, Kinder so weit anzupassen, dass sie nicht mehr auffallen, verfehlt aus dieser Sicht den Kern des Problems. Solche Interventionen, so Prizant, behandeln den Menschen wie ein Defizit, das beseitigt werden soll – statt ihn in seiner Eigenart zu verstehen. Häufig verschärfen sie die Situation sogar.

Ein anderer Zugang beginnt mit einer einfacheren, aber grundlegenderen Frage: Warum verhält sich ein Kind auf diese Weise? Wer danach sucht, stößt oft auf konkrete Auslöser – Überforderung, Reizüberflutung, körperliches Unbehagen. Manchmal genügt schon ein kratzender Kragen oder das Flimmern einer Neonröhre, um Stressreaktionen auszulösen. Werden solche Faktoren erkannt und reduziert, verändert sich auch das Verhalten – nachhaltiger und ohne Zwang.

Gleichzeitig eröffnet sich ein klarerer Blick auf die individuellen Fähigkeiten und Schwierigkeiten des Kindes.

Mythos 4: Heute werden einfach zu viele „auffällige“ Kinder als autistisch diagnostiziert

Eine der folgenreichsten Einsichten im Konzept von Lorna Wing ist, dass Autismus keine scharfe Grenze kennt. Die Übergänge zur sogenannten „Normalität“ sind fließend. Eigenschaften, die als typisch für Autismus gelten, finden sich auch bei nicht-autistischen Menschen – nur in unterschiedlicher Ausprägung.

Autistische Menschen stimulieren sich selbst; andere zappeln. Sie entwickeln intensive Spezialinteressen; andere haben Hobbys und Leidenschaften. Sie reagieren empfindlich auf Sinneseindrücke; andere ertragen bestimmte Materialien oder Geräusche schlicht nicht.

Zwischen diesen Polen entsteht ein breiter Übergangsbereich. In der Forschung spricht man hier von „breiten Autismus-Phänotypen“ (BAP). Im Alltag werden diese Menschen meist einfach als exzentrisch wahrgenommen: der Mann, der im Pub jedes Detail einer historischen Schlacht referiert; das Mädchen, das ganze Dialoge aus Doctor Who auswendig kann.

Die Mode, prominente „Sonderlinge“ aus der Ferne zu diagnostizieren

In den letzten Jahren hat sich daraus ein eigentümlicher Trend entwickelt: Prominente werden aus der Distanz als „auf dem Spektrum“ eingeordnet. War nicht Steve Jobs vielleicht betroffen? Oder die damalige Yahoo-Chefin Marissa Mayer mit ihrer extremen Arbeitsleistung? Selbst Jerry Seinfeld äußerte zeitweise entsprechende Vermutungen über sich – zog sie jedoch bald wieder zurück.

Das Problem liegt auf der Hand: Wenn milliardenschwere Unternehmer und gefeierte Entertainer als Beispiele für Autismus herangezogen werden, gerät leicht aus dem Blick, wie viele autistische Erwachsene weiterhin große Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Familien berichten nach wie vor von fehlender Unterstützung beim Übergang ins Berufsleben und beim Aufbau eines selbstständigen Alltags.

Die Vorstellung, Autismus sei lediglich eine „Variante“ und keine Beeinträchtigung, greift daher zu kurz.

Autismus ist eine Behinderung – und verlangt gesellschaftliche Antworten

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsbesonderheit, die nahezu alle Lebensbereiche beeinflussen kann. Wer selbst betroffen ist oder mit Betroffenen lebt, weiß das.

Die Gesellschaft hat gelernt, mit körperlichen Einschränkungen umzugehen – durch abgesenkte Bordsteine, Rampen, barrierefreie Zugänge. Die entsprechenden Lösungen im kognitiven und sozialen Bereich stehen dagegen erst am Anfang. Welche Formen von Unterstützung sind hier möglich?

Gerade die digitale Entwicklung eröffnet neue Wege, etwa durch individuell anpassbare Lernumgebungen. Und sie verändert auch Wahrnehmungen: Noch vor wenigen Jahrzehnten galt jemand, der über eine Tastatur kommuniziert, als schwer behindert. Heute ist das schlicht Teil des Alltags vieler Jugendlicher.

Frei erzählt nach einem Text von Steve Silberman:
It’s Time We Dispelled These Myths About Autism, 2015

Quelle

Stephen Louis Silberman (1957–2024) war ein amerikanischer Journalist und langjähriger Autor sowie Redakteur beim Magazin Wired. Über mehr als zwei Jahrzehnte prägte er dort die Berichterstattung über Wissenschaft und Technologie und wurde 2010 mit dem Kavli Science Journalism Award ausgezeichnet. Bekannt wurde er insbesondere durch seinen Artikel „The Geek Syndrome“, der die Rolle von Autismus im Silicon Valley beleuchtete und große Resonanz fand. Sein Buch Neurotribes (2015) gilt als einflussreiche Darstellung der Autismus- und Neurodiversitätsbewegung und wurde mit dem Samuel Johnson Prize geehrt.

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| Zlatko
Was sich durch den ganzen Text zieht, ist kein einzelner Irrtum, sondern ein Muster: der Versuch, etwas Komplexes schnell zu ordnen – und der Preis, den andere dafür zahlen.

Autismus wird hier nicht falsch verstanden, weil es an Informationen fehlt. Sondern weil immer wieder das Gleiche passiert: Man sucht nach einer einfachen Ursache, einer klaren Grenze, einer schnellen Lösung. Und übersieht dabei den Menschen.

Die Geschichte mit den „Kühlschrankm üttern“, die Jagd nach vermeintlichen Umweltgiften, der Wunsch, Kinder „unauffällig“ zu machen – all das folgt derselben Logik. Sie beruhigt die Außenwelt. Sie gibt das Gefühl, die Kontrolle zurückzugewinn en. Aber sie verschiebt das Problem dorthin, wo es nicht hingehört.

Der Text macht deutlich, dass Autismus kein Rätsel ist, das gelöst werden muss, sondern eine Realität, die verstanden werden will. Und dass dieser Unterschied alles verändert – für die Betroffenen, aber auch für diejenigen, die mit ihnen leben.

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