Diese Website verwendet Cookies, um grundlegende Funktionen sicherzustellen.
Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
Zum Hauptinhalt springen

Aritkel

Neu

Kommentare

Zlatko
Die Illusion Des Verstehens

Ich habe diesen Text nicht geschrieben, um et ...

6 Stunden 20 Minuten
Zlatko
Es Ist Zeit Mit Den Mythen Ueber Autismus Aufzuraeumen

Was sich durch den ganzen Text zieht, ist kei ...

8 Tage 15 Stunden
Zlatko
Hans Asperger Teil 1

Dieser Text ist so wichtig, weil er etwas tut ...

13 Tage 11 Stunden
Zlatko
Ein Kind Im Spektrum Teil 1

Ein beeindruckender und zugleich sehr ehrlich ...

13 Tage 12 Stunden

Materialien – Grundlagen

Die Illusion des Verstehens

Die Situation

Am Anfang von all dem steht eine sehr einfache Tatsache, und sie hat nichts mit irgendwelchen Theorien zu tun. Dein Kind reagiert nicht. Du rufst seinen Namen, du wiederholst ihn, du versuchst auf verschiedene Weise, seine Aufmerksamkeit zu erreichen – aber die ersehnte, fast schon herbeigesehnte Antwort bleibt aus. Es ist nicht so, dass da nichts wäre. Es ist nicht, als würdest du in ein schwarzes kosmisches Loch blicken. Dein Kind bewegt sich, schaut, tut Dinge, manchmal mit einer kaum auszuhaltenden Intensität. Nur sind es nicht die Dinge, die du erwartest, die du dir wünschst. Der gewohnte Kreislauf – Ruf, Antwort, Erkennen – schließt sich nicht.

Am Anfang nimmst du das als vorübergehende Störung wahr. Du kämpfst gegen Angst und Unsicherheit an, drängst alles zurück, was dich entmutigen oder dich zum Aufgeben bringen könnte. Aufgeben? Dein eigenes Kind aufgeben? Entsetzt wendest du dich ab: lieber tot als das. Dann kommst du wieder zu dir. Genug Pathos, genug Theater. Es heißt, mit der Zeit, mit dem richtigen Ansatz werde sich etwas ordnen. So sagen es die Fachleute – und sie wissen es natürlich besser als du. So glaubst du jedenfalls am Anfang. Du sprichst klarer, vereinfachst, arbeitest mit Gesten, Routinen, Geduld. Und mit der Zeit lernst du tatsächlich Dinge. Du lernst, Überforderung zu vermeiden, Reaktionen vorauszuahnen, Situationen zu stabilisieren, die sonst auseinanderfallen würden. Du lernst sogar, mit dem ständigen, quälenden Warten auf das Wunder zu leben. Von außen kann das wie Fortschritt aussehen, vielleicht sogar wie der Anfang von Verstehen. Für dich ist es das Leben selbst. Ein wenig wie in Solaris von Tarkowski.

Natürlich bleibt etwas offen. In Wahrheit bleiben viele Dinge offen, aber du klammerst dich an eines. Für mehr fehlt dir schlicht die Kraft.

Und dann, eines Tages, trifft dich ein beiläufig hingeworfener Satz direkt zwischen die Augen. Eine Bemerkung von jemandem mit jahrzehntelanger Erfahrung. Eine Frau, die seit über zwanzig Jahren mit autistischen Menschen arbeitet – liest, beobachtet, sie begleitet –, sagt fast nebenbei, dass sie sie niemals wirklich verstehen wird. Kein Nachdruck liegt in ihren Worten, keine Spur von Enttäuschung. Sie sind einfach da – als Ergebnis eines langen Zusammenlebens mit einer Situation, die sich nicht so aufgelöst hat, wie man es erwartet hätte. Für dich klingen sie wie ein schwerer Stempel auf einem Urteil. Du zuckst zusammen, versuchst es zu vergessen. Und machst weiter.

Erst viel später, nach Jahren mühsam errungener elterlicher Momente – lauter kleine Schlucke Wasser in der Wüste –, verändert dieser Satz sein Gewicht. Er klingt nicht mehr wie ein persönliches Defizit. Er beschreibt einen Zustand, der bestehen bleibt – nicht anstelle des Lernens, sondern neben ihm.

Das Versprechen

Von Anfang an ist diese Situation von einer Sprache umgeben, die nahelegt, dass das, was geschieht, prinzipiell verstanden werden kann.

Ärzte, Therapeuten, Bücher, Institutionen – sie alle sprechen in leicht unterschiedlichen Varianten, aber die Grundbotschaft ist erstaunlich stabil. Für alles gibt es Erklärungen. Es gibt Modelle. Es gibt Methoden, die, richtig angewendet, das Verhalten des Kindes verständlich machen. Die Schwierigkeit erscheint nicht als etwas, das bleibt, sondern als etwas, das sich klären, reduzieren und schließlich in ein Gesamtbild einordnen lässt.

Dieses Versprechen wird selten offen ausgesprochen. Es liegt im Ton, in der Struktur, in der Art, wie Fortschritt beschrieben wird. Jeder neue Ansatz wirkt wie ein Schritt weiter als der vorherige. Selbst Unsicherheit erscheint nur als Übergang – als Lücke, die sich mit der Zeit schließen wird.

Für dich entsteht daraus ein sehr spezifischer Horizont. Der erste Schock – dein Kind nicht erreichen zu können – geht einher mit der Erwartung, dass dieser Zustand nicht endgültig ist. Du beginnst, in Phasen zu denken, in Interventionen, in schrittweisen Verbesserungen, die irgendwann – wenn schon nicht zur vollständigen Klarheit – dann doch zu etwas führen sollen, das man Verstehen nennen kann.

Und weil diese Erwartung von nahezu allen geteilt wird, wird es schwer, sie überhaupt in Frage zu stellen. An ihr zu zweifeln heißt, die gemeinsame Sprache zu verlassen, in der das ganze Feld funktioniert.


Small Ad Asperger

Was tatsächlich geschieht

Die Zeit vergeht, und etwas geschieht tatsächlich. Es wäre falsch zu sagen, dass sich nichts verändert. Im Gegenteil, du lernst sehr viel. Das Kind wird in bestimmten Situationen berechenbarer. Es entstehen Signale, kleine Muster, die du erkennen und nutzen kannst. Du lernst, was Unruhe auslöst, was beruhigt, wie du den Tag strukturieren musst, damit er nicht auseinanderfällt. Kommunikation – begrenzt, aber real – wird möglich.

Von außen wirkt das wie ein Fortschritt in Richtung Verstehen. Die anfängliche Verwirrung weicht einer gewissen Kompetenz. Situationen, die früher chaotisch erschienen, werden handhabbar.

Aber die Richtung dieses Fortschritts wird meist missverstanden.

Was sich entwickelt, ist kein Zugang zu einer inneren Welt. Es ist ein Gefüge funktionierender Beziehungen.

Du lernst, so zu handeln, dass bestimmte Reaktionen entstehen, andere ausbleiben, dass ein fragiles Gleichgewicht gehalten wird. Die Interaktion wird verlässlicher, ohne durchsichtig zu werden.

Die ursprüngliche Kluft verschwindet nicht. Sie ordnet sich.

Und weil das tägliche Leben von dieser Ordnung abhängt, wird sie leicht fehlgedeutet. Dass du heute bewältigen kannst, was früher unerträglich war, erzeugt den Eindruck, du hättest begonnen zu verstehen. Das System funktioniert besser – also scheint sich das Problem zu lösen.

Aber tatsächlich ist etwas anderes geschehen. Der Übergang führt von der Unfähigkeit zu handeln hin zur Fähigkeit zu steuern. Das ist eine reale Leistung, oft eine notwendige. Aber sie beantwortet nicht die Frage, die am Anfang stand.

Sie schiebt sie nur zurück.

Der Fehler

An diesem Punkt tritt eine Verwechslung auf, die selten hinterfragt wird, weil sie im Sprachgebrauch selbst steckt. Die Fähigkeit, mit einer Situation umzugehen, wird als Beweis dafür genommen, dass sie verstanden ist.

Unser Newsletter

Bruchstücke, Reste. Eine Mail. Ab und zu.
Kein Filter. Keine Gnade.

Der Übergang ist kaum bemerkbar. Was als praktische Anpassung beginnt – Überforderung vermeiden, Interaktionen stabilisieren, Verhalten lenken – wird allmählich als etwas Grundsätzlicheres gedeutet. Weil Reaktionen vorhersehbarer werden, weil eine begrenzte Kommunikation möglich ist, erscheint es naheliegend zu sagen: Jetzt wird verstanden. Oder zumindest: Wir sind auf dem Weg dorthin.

Aber dieser Schritt folgt nicht.

Eine Situation zu steuern heißt nicht, sie zu kennen. Man kann wirksam handeln, ohne Zugang zu dem zu haben, womit man es zu tun hat. So werden komplexe Systeme in der Regel überhaupt erst handhabbar: durch Muster, durch Annäherungen, durch funktionierende Abläufe, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht vollständig offenlegen.

Im Fall des Autismus verschwindet diese Unterscheidung meist. Die Stabilität von Routinen, die Verlässlichkeit bestimmter Abläufe, die Abnahme sichtbarer Spannung – all das nährt die Vorstellung, dass sich die ursprüngliche Kluft schließt.

Die Frau, die nach zwanzig Jahren sagt, sie werde niemals wirklich verstehen, widerspricht diesem Fortschritt nicht. Sie weigert sich nur, ihn in etwas zu verwandeln, was er nicht ist.

Ihr Satz legt den Fehler frei.

Was bleibt

Sobald diese Unterscheidung sichtbar wird, verschiebt sich etwas – aber nicht so, wie man es sich wünschen würde. Das Problem verschwindet nicht. Die Schwierigkeit, das Kind zu erreichen, bleibt bestehen. Der Bedarf an Routinen, Aufmerksamkeit, permanenter Wachsamkeit nimmt nicht ab.

Was sich verändert, ist der Druck, der von einem Versprechen ausgeht, das sich nicht erfüllen lässt.

Solange Verstehen als Ziel gesetzt ist, erscheint jede Grenze als Scheitern. Der Elternteil, der das Kind nicht „lesen“ kann, der Therapeut, der keinen Zugang zur inneren Welt findet, der Lehrer, dem keine vollständig wechselseitige Kommunikation gelingt – sie alle bleiben, in gewisser Weise, hinter dem Erwarteten zurück.

Hier beginnt die Idee des Verstehens selbst Schaden anzurichten.

Sie ersetzt eine reale, schwierige, aber handhabbare Situation durch eine abstrakte Erwartung, die Erfahrung ständig an einem unsichtbaren Maßstab misst. Und weil dieser Maßstab nie klar bestimmt ist, kann er auch nie erreicht werden.

Die Frau, die sagt, dass sie niemals wirklich verstehen wird, verlässt diese Struktur. Nicht indem sie das Gelernte verwirft oder das Funktionierende leugnet, sondern indem sie sich weigert, es anders zu nennen, als es ist.

Was bleibt, ist begrenzter – aber auch präziser.

Es gibt Kontakt, aber keine Transparenz. Es gibt Kommunikation, aber keinen wirklichen Zugang. Es gibt eine gemeinsame Welt, aber sie schließt sich nicht zu einer einzigen Perspektive.

Das ist kein Schluss.

Es ist nur der Punkt, an dem die Erwartung des Verstehens etwas anderem weicht – etwas, das keinen Namen braucht, um zu existieren.

Zlatko Enev ist ein in Bulgarien geborener Schriftsteller, Herausgeber und Philosoph, der seit 1990 in Berlin lebt. Er promovierte in Philosophie an der Universität Sofia und ist Autor mehrerer Bücher aus den Bereichen Belletristik, Essayistik und Kinderliteratur. Sein Werk ist geprägt von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und den Grenzen kultureller Narrative. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betreibt er die bulgarischsprachige Plattform Либерален преглед (Liberale Rundschau), die sich der Veröffentlichung längerer analytischer und essayistischer Texte widmet.

Vom selben Autor

| Zlatko
Ich habe diesen Text nicht geschrieben, um etwas zu erklären. Im Gegenteil.

Er ist aus einer Erfahrung entstanden, die sich über Jahre hinweg wiederholt hat: Man ruft das eigene Kind – und bekommt keine Antwort, die in die gewohnten Formen passt. Kein Nichts, aber auch kein „Verstehen “ im üblichen Sinn. Und irgendwann beginnt man zu begreifen, dass das Problem vielleicht nicht dort liegt, wo man es sucht.

Die größte Versuchung in solchen Situationen ist es, sich selbst zu beruhigen. Zu glauben, dass man nur die richtige Methode finden muss, den richtigen Zugang, den richtigen Schlüssel. Dass sich alles erklären lässt, wenn man nur lange genug sucht.

Dieser Text richtet sich gegen genau diese Versuchung.

Nicht, weil Verstehen unmöglich wäre. Sondern weil das, was wir darunter verstehen, oft nur eine Anpassung der Wirklichkeit an unsere Erwartungen ist. Eine Form von Kontrolle, die wir uns selbst nicht eingestehen.

Ich habe lange gebraucht, um das zu sehen. Und noch länger, um es zu akzept

5000 Verbleibende Zeichen



Weiterlesen

Ein Auszug aus dem Buch
oder

(PDF öffnet sich im Browser und kann dort gespeichert werden.)
Die Kinder von Hans Asperger Facebook-Gruppe
Neue Texte zuerst – in der Facebook-Gruppe.
Verpassen Sie nichts.
Zurück zum Anfang

Buch kaufen