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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Zlatko
Die Illusion Des Verstehens

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Materialien – Grundlagen

Eine Anthropologin auf dem Mars

Oliver Sacks hatte einige Tage in London mit Stephen Wiltshire verbracht, einem außergewöhnlich begabten autistischen Savant, dessen zeichnerische Fähigkeiten von beeindruckender Präzision sind. Anschließend reiste er nach Massachusetts, um eine weitere autistische Künstlerin zu besuchen: Jessy Park. Ihre Mutter hat sie in einem eindringlichen und zugleich sehr reflektierten persönlichen Bericht („The Siege“) beschrieben. Jessys Arbeiten – intensiv farbig, oft von Sternmotiven durchzogen – unterscheiden sich deutlich von denen Wiltshires. Zugleich geben sie einen Einblick in eine komplexe, beinahe labyrinthische innere Welt von Verknüpfungen zwischen Zahlen, Farben, moralischen Kategorien und sogar dem Wetter.

Im Verlauf seiner Reise besuchte Sacks außerdem mehrere Schulen für autistische Kinder, wenn auch jeweils nur kurz. Besonders prägend war eine Woche in einem Ferienlager für autistische Kinder in Ontario, dem Camp Winston. Dort arbeitete in diesem Sommer ein Freund von ihm als Betreuer, der am Tourette-Syndrom litt. Mit seinen impulsiven Bewegungen – dem plötzlichen Greifen, Berühren, Stoßen – und seiner enormen Energie schien er einen Zugang zu selbst stark zurückgezogenen Kindern zu finden, der anderen verschlossen blieb.

Auf dem Weg weiter nach Westen traf Sacks in Kalifornien auf eine Familie, in der alle Mitglieder autistisch waren: beide Eltern, hochbegabt, sowie ihre beiden Kinder. Zwischen den Anforderungen des Alltags zeigte sich bei ihnen ein Verhalten, das für Außenstehende ungewöhnlich erscheinen konnte – sie sprangen auf Trampolinen, bewegten ihre Hände flatternd oder schrien laut. Schließlich setzte Sacks seine Reise nach Fort Collins in Colorado fort, um Temple Grandin zu besuchen, eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten im Autismus-Spektrum. Trotz ihrer Autismus-Diagnose hat sie in Tierwissenschaften promoviert, lehrt an der Colorado State University und führt ein eigenes Unternehmen.

Autismus ist offensichtlich keine moderne Erscheinung. Die Störung hat es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben, wenn auch nur bei einzelnen Menschen. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde sie häufig mit Staunen, Angst oder Ratlosigkeit betrachtet und hat möglicherweise zur Entstehung mythischer Figuren beigetragen – etwa des Fremden, des Wechselbalgs oder des „verzauberten“ Kindes. Medizinisch beschrieben wurde Autismus jedoch erst in den 1940er-Jahren – nahezu gleichzeitig und unabhängig voneinander durch Leo Kanner in Baltimore und Hans Asperger in Wien. Beide verwendeten den Begriff „Autismus“.

Die Beschreibungen von Kanner und Asperger zeigen in vieler Hinsicht eine bemerkenswerte, teils nahezu unheimliche Übereinstimmung. Dennoch blieb Aspergers Arbeit, die auf Deutsch veröffentlicht wurde, über Jahrzehnte hinweg weitgehend unbeachtet und wurde erst 1991 ins Englische übersetzt. Dadurch prägte vor allem Kanners Sichtweise lange Zeit das Verständnis von Autismus – mit all ihren Stärken, aber auch ihren Begrenzungen.

Sowohl Kanner als auch Asperger stellten eine Form von Abgeschiedenheit in den Mittelpunkt – genauer gesagt eine mentale Abgeschiedenheit. Sie betrachteten dies als das zentrale Merkmal des Autismus. Kanner beschrieb diesen Zustand so, dass das Kind äußere Einflüsse, wann immer möglich, ausblendet oder ignoriert. Dieses Fehlen von Kontakt bezog sich vor allem auf andere Menschen; gegenüber Dingen hingegen konnten durchaus normale Interessen bestehen.

Ein weiteres zentrales Merkmal sah Kanner in einem ausgeprägten Festhalten an Gleichförmigkeit. Dieses zeigt sich zunächst in stereotypen Bewegungen und Lauten, dann in ritualisierten Abläufen und schließlich in ungewöhnlich engen, intensiven Interessengebieten – fixierten Faszinationen, die sich stark auf einzelne Themen konzentrieren. Solche Muster treten häufig bereits vor dem fünften Lebensjahr auf und wurden von Kanner und Asperger als spezifisch für Autismus angesehen.

Asperger beschrieb darüber hinaus weitere charakteristische Merkmale. Autistische Kinder vermeiden häufig direkten Blickkontakt und nehmen ihre Umgebung eher beiläufig, aus dem Augenwinkel wahr. Mimik und Gestik sind oft eingeschränkt. Auch der Sprachgebrauch wirkt eigentümlich oder formalisiert. Gleichzeitig folgen die Kinder in ihrem Verhalten weitgehend ihren eigenen Impulsen, unabhängig von äußeren Anforderungen. Demgegenüber kann ihre Fähigkeit zu logischem, abstraktem Denken bemerkenswert ausgeprägt sein. Während Kanner Autismus eher als durchgehend defizitären Zustand verstand, sah Asperger auch mögliche Stärken: eine besondere Eigenständigkeit des Denkens und Erlebens, die später zu außergewöhnlichen Leistungen führen kann.

Autismus wird, in merkwürdiger Weise, meist ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern erwähnt; von autistischen Erwachsenen ist kaum die Rede, als verschwänden diese Kinder später einfach aus der Welt. Und doch zeigt sich, dass ein Teil dieser Kinder – selbst wenn sich im Alter von drei Jahren ein zutiefst erschütterndes Bild bietet – entgegen aller Erwartungen Fähigkeiten entwickeln kann: Sprache, wenn auch begrenzt; ein gewisses Maß an sozialem Verhalten; mitunter sogar bemerkenswerte intellektuelle Leistungen. Einige gelangen so zu einem eigenständigen Leben, das nach außen hin vollständig und unauffällig wirken mag – auch wenn darunter eine anhaltende, mitunter tiefgreifende autistische Eigenart bestehen bleibt. Asperger hatte für diese Möglichkeit ein deutlich feineres Gespür als Kanner; daraus ist die heutige Bezeichnung jener „hochfunktionalen“ Formen als Asperger-Syndrom hervorgegangen. Der vielleicht entscheidende Unterschied liegt darin, dass Menschen mit Asperger-Syndrom über ihr Erleben berichten können – über innere Zustände, Empfindungen, Wahrnehmungen –, während bei klassischem Autismus ein solcher Zugang fehlt. Dort gibt es kein „Fenster“; man ist auf Vermutungen angewiesen. Beim Asperger-Syndrom hingegen ist ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein vorhanden, ebenso die Fähigkeit zur Introspektion und zur Mitteilung.

Ob das Asperger-Syndrom grundsätzlich von der klassischen frühkindlichen Form des Autismus zu unterscheiden ist – zumal sich bei einem dreijährigen Kind alle Varianten zunächst ähnlich darstellen können – oder ob vielmehr ein Kontinuum vorliegt, das von schweren Formen mit zusätzlichen kognitiven und neurologischen Beeinträchtigungen bis hin zu hochbegabten, gut funktionierenden Individuen reicht, bleibt umstritten. Die Neurologin Isabelle Rapin etwa vertritt die Auffassung, dass beide Formen auf biologischer Ebene getrennt sein könnten, auch wenn sie sich im Verhalten teilweise überschneiden. Ebenso unklar ist, ob ein solches Kontinuum bis in den Bereich einzelner „autistischer Züge“ hinein erweitert werden sollte – also jener intensiven, oft isolierten Interessen und Fixierungen, verbunden mit einer gewissen sozialen Distanz, wie sie auch bei vielen Menschen auftreten, die als „normal“ gelten und allenfalls als eigenwillig, pedantisch oder zurückgezogen beschrieben werden.


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Auch die Ursachen des Autismus sind lange Gegenstand von Kontroversen gewesen. Die Häufigkeit liegt etwa bei einem von tausend Menschen, weltweit, und die Erscheinungsformen zeigen selbst in sehr unterschiedlichen Kulturen eine erstaunliche Konstanz. Im ersten Lebensjahr bleibt Autismus oft unbemerkt, tritt aber meist im zweiten oder dritten Jahr deutlich hervor. Während Asperger ihn als angeborene Störung verstand – als Defizit im affektiven Kontakt, vergleichbar einer körperlichen oder intellektuellen Beeinträchtigung –, neigte Kanner dazu, psychogene Ursachen anzunehmen und insbesondere die Rolle der Eltern, vor allem der emotional distanzierten, oft berufstätigen „Kühlschrankmutter“, zu betonen. In dieser Zeit wurde Autismus häufig als Abwehrreaktion interpretiert oder mit kindlicher Schizophrenie verwechselt. Eine ganze Generation von Eltern, insbesondere Müttern, wurde so mit Schuld belastet. Erst in den 1960er-Jahren begann sich diese Sichtweise grundlegend zu ändern, und die organische Grundlage des Autismus wurde zunehmend anerkannt – nicht zuletzt durch Bernard Rimlands Studie „Infantile Autism“ von 1964.

Heute gilt als gesichert, dass die Veranlagung zum Autismus biologischer Natur ist; zunehmend deutet vieles darauf hin, dass in bestimmten Fällen auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Dabei zeigt sich eine erhebliche genetische Vielfalt: Die Vererbung kann dominant oder rezessiv sein, und Autismus tritt deutlich häufiger bei Jungen auf. In genetischen Zusammenhängen finden sich nicht selten weitere Störungen – etwa Legasthenie, Aufmerksamkeitsdefizite, Zwangsstörungen oder das Tourette-Syndrom. Zugleich kann Autismus auch erworben sein. Dies wurde erstmals in den 1960er-Jahren deutlich, als im Zuge der Röteln-Epidemie zahlreiche pränatal infizierte Kinder später autistische Symptome entwickelten. Unklar bleibt, ob sogenannte regressive Formen – bei denen Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren plötzlich bereits erworbene sprachliche und soziale Fähigkeiten verlieren – genetisch oder umweltbedingt sind. Ebenso kann Autismus im Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen wie Phenylketonurie oder strukturellen Problemen wie Hydrozephalus auftreten. Besonders häufig findet er sich, zusammen mit anderen neurologischen Auffälligkeiten, bei tuberöser Sklerose und beim Rett-Syndrom. In seltenen Fällen können autistische oder autismusähnliche Zustände sogar im Erwachsenenalter entstehen, etwa nach bestimmten Formen von Enzephalitis. Auch unter den Patienten aus Sacks’ „Awakenings“ sah er rückblickend einzelne mit autistischen Zügen.

Und dennoch geraten Eltern eines autistischen Kindes, die erleben, wie sich ihr Kind von ihnen entfernt – sich zurückzieht, unerreichbar wird, auf Ansprache kaum reagiert –, leicht in Versuchung, sich selbst die Schuld zu geben. Sie sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, eine Beziehung zu einem Kind aufrechtzuerhalten, das ihnen scheinbar keine Beziehung mehr entgegenbringt. Sie unternehmen oft enorme Anstrengungen, um Zugang zu finden, um ein Kind festzuhalten, das in einer fremd wirkenden, kaum vorstellbaren Welt lebt – und müssen doch nicht selten erfahren, dass diese Bemühungen ins Leere laufen.

Die Geschichte des Autismus ist daher auch eine Geschichte verzweifelter Hoffnungen auf Durchbrüche, die sich immer wieder als trügerisch erweisen. Ein Vater formulierte dies mit bitterer Ironie: Alle paar Jahre werde ein neues „Wundermittel“ präsentiert – zunächst Diäten, dann Magnesium und Vitamin B6, später erzwungene Nähe, Verhaltenstherapie, schließlich auditive Desensibilisierung oder die sogenannte „gestützte Kommunikation“. Letztere basiert auf der Annahme, dass ein nichtsprechendes autistisches Kind durch die Unterstützung eines Helfers beim Tippen oder Zeigen kommunizieren könne. Ursprünglich wurde diese Methode erfolgreich bei Kindern mit Zerebralparese eingesetzt, bei denen motorische Einschränkungen das Sprechen verhindern. Autismus jedoch ist kein rein motorisches Problem, sondern erheblich komplexer. Dennoch wurden auch hier weitreichende Erfolge behauptet – bis hin zu angeblich vollständig verfassten Autobiografien zuvor sprachloser Kinder. Befürworter traten mit großer Überzeugung auf, teils mit missionarischem Eifer. Systematische Untersuchungen legen jedoch nahe, dass die Methode bei autistischen Kindern weit weniger zuverlässig ist und in vielen Fällen der Helfer unbewusst die Bewegungen des Kindes lenkt.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Form von Intervention grundsätzlich abzulehnen wäre. Selbst Verfahren wie die gestützte Kommunikation könnten, unabhängig von ihrer eigentlichen Wirksamkeit, durch die damit verbundene intensive Zuwendung und Struktur einen gewissen Nutzen haben. Eine der tiefsten Frustrationen im Umgang mit autistischen Kindern liegt gerade in der Unvorhersehbarkeit der Entwicklung: Einige machen Fortschritte, andere bleiben unerreichbar.

Kein Mensch mit Autismus gleicht dem anderen; Ausprägung und Erscheinungsform sind in jedem Fall unterschiedlich. Zudem kann es zu äußerst komplexen, mitunter sogar schöpferischen Wechselwirkungen zwischen autistischen Merkmalen und den übrigen Eigenschaften einer Person kommen. Während für eine klinische Diagnose oft ein kurzer Eindruck ausreicht, verlangt ein wirkliches Verständnis eines autistischen Menschen weit mehr – im Grunde nichts Geringeres als eine vollständige Lebensgeschichte.

Sacks’ erste Begegnung mit autistischen Menschen führte ihn Mitte der sechziger Jahre auf eine düstere Station eines staatlichen Krankenhauses. Viele der dort untergebrachten Patienten – vermutlich die Mehrheit – waren zugleich geistig beeinträchtigt; zahlreiche litten unter epileptischen Anfällen, viele zeigten schwere selbstverletzende Verhaltensweisen wie heftiges Kopfschlagen, und nicht wenige wiesen zusätzliche neurologische Störungen auf. Gerade die schwerstbetroffenen Patienten waren vielfach mehrfach beeinträchtigt, oft über den Autismus hinaus – und einige hatten darüber hinaus traumatische Erfahrungen von Misshandlung hinter sich. Und dennoch zeigten sich selbst in dieser Gruppe immer wieder einzelne „Inseln von Fähigkeit“: mitunter auffallende, ja spektakuläre Begabungen, die sich durch die allgemeine Zerstörung hindurch bemerkbar machten, ganz im Sinne der Beschreibungen von Kanner und Asperger – etwa außergewöhnliche rechnerische oder zeichnerische Leistungen. Es waren diese scheinbar isolierten Fähigkeiten, losgelöst vom übrigen seelischen und persönlichen Gefüge und getragen von einer intensiven, fast zwanghaften Fixierung, die sogenannten Savant-Syndrome, die Sacks damals besonders beschäftigten und denen er sich eingehend widmete. Selbst unter diesen schwer beeinträchtigten Patienten gab es einzelne, die auf persönliche Zuwendung reagierten: ein sprachloser junger Patient, der auf Musik ansprach und tanzte; ein anderer, der nach einigen Wochen begann, mit ihm Billard zu spielen und später im botanischen Garten sein erstes Wort äußerte – „Löwenzahn“. Viele dieser Patienten, geboren in den vierziger oder frühen fünfziger Jahren, waren in ihrer Kindheit nicht einmal als autistisch erkannt worden, sondern unterschiedslos mit geistig Behinderten oder psychotischen Patienten zusammengelegt und seit frühester Kindheit in großen Anstalten untergebracht worden. Wahrscheinlich entspricht dies der Art und Weise, wie schwer autistische Menschen über Jahrhunderte hinweg behandelt worden sind. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dieses Bild grundlegend verändert – durch ein wachsendes medizinisches und pädagogisches Verständnis ihrer besonderen Fähigkeiten und Schwierigkeiten sowie durch die Einrichtung spezialisierter Schulen und Ferienlager.

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Bei Besuchen in einigen dieser Einrichtungen im August begegnete Sacks einer Vielzahl von Kindern: manche intelligent, andere leicht geistig beeinträchtigt, einige offen und kontaktfreudig, andere zurückhaltend – alle mit deutlich ausgeprägten individuellen Persönlichkeiten. An einer dieser Schulen sah er beim Näherkommen Kinder auf dem Spielplatz, schaukelnd und Ball spielend. Zunächst wirkte alles beinahe gewöhnlich. Doch aus der Nähe zeigten sich die Unterschiede: ein Kind schwang sich in zwanghafter Wiederholung in immer höheren, fast bedrohlichen Bögen; ein anderes ließ einen kleinen Ball monoton von einer Hand in die andere gleiten; ein weiteres drehte sich unaufhörlich auf einem Karussell; ein anderes wiederum stapelte Bauklötze nicht, sondern ordnete sie endlos in exakten Reihen an. Alle waren in isolierte, repetitive Tätigkeiten vertieft; kein gemeinsames Spiel entstand. Auch im Inneren der Schule zeigte sich ein ähnliches Bild: Einige Kinder wiegten sich rhythmisch vor und zurück, andere flatterten mit den Händen oder äußerten unverständliche Lautfolgen. Gelegentlich, so berichteten die Lehrer, kam es zu plötzlichen Panikzuständen oder Wutausbrüchen, begleitet von Schreien oder unkontrollierten Schlägen. Manche Kinder wiederholten mechanisch jedes Wort, das man an sie richtete. Ein Junge hatte offenbar eine komplette Fernsehsendung auswendig gelernt und „spielte“ sie den ganzen Tag über in lauter, eigentümlich gleichförmiger Stimme ab. Im Camp Winston in Ontario beobachtete Sacks einen sechsjährigen Jungen, der mit einer Schere aus einem Blatt Papier winzige, vollkommen geformte „H“s ausschnitt – jedes kaum einen Zentimeter groß. Äußerlich wirkten die meisten dieser Kinder unauffällig; es war ihre innere Abwesenheit, ihre schwer zugängliche Distanz, die irritierte.

Einige von ihnen begannen im Jugendalter, sich zu öffnen – entwickelten flüssige Sprache, eigneten sich soziale Fähigkeiten an, die ihnen weit größere Schwierigkeiten bereiteten als jede schulische Leistung, und lernten, eine Art soziale Oberfläche auszubilden, die sie der Welt präsentieren konnten.

Ohne gezielte Förderung – oft beginnend bereits im Vorschulalter oder innerhalb der Familie – wären viele dieser Kinder trotz guter intellektueller Voraussetzungen in tiefer Isolation und schwerer Beeinträchtigung geblieben. Tatsächlich hatten viele gelernt, in gewisser Weise zu „funktionieren“, zumindest eine formale Anpassung an soziale Regeln zu zeigen. Doch gerade diese äußere, mechanische Anpassung wirkte befremdlich. Besonders deutlich wurde dies für Sacks in einer Schule, in der Kinder ihm steif die Hand entgegenstreckten und in lauter, monotoner Stimme sagten: „Guten Morgen, mein Name ist Peter … mir geht es sehr gut, danke, wie geht es Ihnen“, ohne jede Betonung, ohne jede affektive Färbung – wie eine Litanei. Die Frage drängte sich auf, ob einige von ihnen jemals echte Selbstständigkeit erreichen würden: ob sie ihre automatisierten sozialen Verhaltensweisen lediglich funktional einsetzen oder darüber hinaus eine eigene innere Welt entwickeln könnten – vielleicht eine zutiefst andere, autistische Form von Innerlichkeit, zugänglich nur wenigen.

Die Psychologin Uta Frith schreibt in ihrem Buch „Autism: Explaining the Enigma“, dass Autismus nicht verschwindet, dass Betroffene jedoch häufig in erstaunlichem Maße lernen, ihre Einschränkungen zu kompensieren – wobei dennoch ein grundlegendes Defizit bestehen bleibt, etwas, das sich weder beheben noch ersetzen lässt. Zugleich deutet sie an, dass dieses „Etwas“ auch eine andere Seite haben könnte: eine besondere Form von geistiger oder moralischer Intensität, die so weit von der Norm entfernt ist, dass sie auf andere zugleich edel, befremdlich oder beunruhigend wirkt. In diesem Zusammenhang verweist sie auf die „Gottesnarren“ im alten Russland, auf den naiven Bruder Juniper, einen frühen Gefährten des heiligen Franziskus, und – auf überraschende Weise – auf Sherlock Holmes: mit seinen Eigenheiten, seinen fixierten Interessen, seiner berühmten Abhandlung über die Asche von 140 verschiedenen Tabaksorten, seiner Fähigkeit zu klarer Beobachtung und logischem Schlussfolgern, unbeeinträchtigt von den Alltagsgefühlen gewöhnlicher Menschen, und seiner Unkonventionalität, die ihm oft Lösungen ermöglicht, an denen die Polizei mit ihrem konventionellen Denken scheitert. Auch Asperger selbst sprach von einer „autistischen Intelligenz“ und verstand darunter eine Form des Denkens, die nur gering von Tradition und Kultur geprägt ist – unkonventionell, eigensinnig, in gewisser Weise „rein“ und von eigentümlicher Originalität, verwandt mit echter Kreativität.

Bei einem Treffen in London vertiefte Uta Frith diese Überlegungen und riet Sacks nachdrücklich, eine der bemerkenswertesten autistischen Persönlichkeiten zu besuchen, die sie kenne – sie sowohl in ihrer Arbeit als auch in ihrem Alltag zu erleben und Zeit mit ihr zu verbringen. Beim Abschied sagte sie zu ihm: „Gehen Sie zu Temple.“

Von Temple Grandin hatte Sacks selbstverständlich bereits gehört – jeder, der sich mit Autismus beschäftigt, kennt ihren Namen. Auch ihre Autobiografie „Emergence: Labeled Autistic“, erschienen 1986, war ihm vertraut. Bei der ersten Lektüre hatte sich jedoch ein gewisses Misstrauen eingestellt. Nach damaliger Auffassung galt der autistische Geist als unfähig zu echter Selbst- und Fremdwahrnehmung, unfähig zu authentischer Introspektion und Rückschau. Wie sollte unter solchen Voraussetzungen eine Autobiografie möglich sein? Der Gedanke schien widersprüchlich. Hinzu kam, dass das Buch in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Margaret Scariano entstanden war. Es lag nahe zu vermuten, dass gerade seine Geschlossenheit, seine Eindringlichkeit und sein oft erstaunlich „normale“ Ton eher ihr zu verdanken sein könnten. Solche Zweifel wurden auch andernorts geäußert, sowohl in Bezug auf Grandins Buch als auch auf autobiografische Texte autistischer Autoren im Allgemeinen. Doch bei der Lektüre von Grandins wissenschaftlichen Arbeiten und ihren zahlreichen autobiografischen Aufsätzen zeigte sich eine Detailgenauigkeit, eine innere Konsistenz und eine Unmittelbarkeit, die diese Skepsis allmählich entkräfteten.

Aus ihren Schriften ergibt sich ein Bild ihrer Kindheit als radikal andersartig, in vieler Hinsicht weit entfernt von dem, was als „normal“ gelten würde. Bereits im Alter von sechs Monaten begann sie sich im Arm der Mutter zu versteifen, mit zehn Monaten kratzte sie sie „wie ein gefangenes Tier“. Gewöhnlicher körperlicher Kontakt war unter solchen Umständen kaum möglich. Grandin beschreibt ihre frühe Wahrnehmung als eine Welt übersteigerter Sinneseindrücke, die bis zur Unerträglichkeit anwachsen konnten – während andere Reize nahezu ausgelöscht erschienen. Ihre Ohren, so erinnert sie sich, seien im Alter von zwei oder drei Jahren wie schutzlose Mikrofone gewesen, die alles ungefiltert und mit überwältigender Lautstärke aufnahmen, ohne jede Relevanzunterscheidung; eine vergleichbare fehlende Modulation betraf sämtliche Sinne. Sie zeigte ein ausgeprägtes Interesse an Gerüchen und verfügte über einen außergewöhnlichen Geruchssinn. Zugleich war sie starken Impulsen ausgesetzt, die sich bei Frustration in heftigen Wutausbrüchen entluden. Die üblichen sozialen Regeln und Beziehungscodes waren ihr nicht zugänglich. Ihr Erleben bewegte sich in einem Zustand extremer Desorganisation, zwischen Rückzug und Ausbruch, innerhalb einer Welt, die von ungezügeltem Chaos geprägt war. Im dritten Lebensjahr nahmen destruktive und aggressive Verhaltensweisen deutlich zu:

Normale Kinder formen mit Knete; sie hingegen verwendete ihre Exkremente und verteilte die entstandenen „Gebilde“ im Raum. Sie zerkaute Puzzles und spuckte den aufgeweichten Karton auf den Boden. Ihr Temperament war heftig; wurde sie gehindert, warf sie alles, was greifbar war – wertvolle Gegenstände ebenso wie das, was sie eben noch selbst produziert hatte. Sie schrie nahezu ununterbrochen.

Und doch entwickelte sich, wie bei vielen autistischen Kindern, relativ früh eine außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit, eine selektive Aufmerksamkeit von solcher Intensität, dass sie inmitten von Unordnung und Reizüberflutung einen eigenen Bereich von Ruhe und Struktur schaffen konnte. Sie konnte stundenlang am Strand sitzen, Sand durch die Finger rieseln lassen und kleine Berge formen; jedes einzelne Sandkorn faszinierte sie, als betrachte sie es durch ein Mikroskop. Zu anderen Zeiten verfolgte sie die Linien ihrer Finger, als wären es Wege auf einer Landkarte. Ebenso konnte sie sich in rotierende Bewegungen versenken – sich selbst drehen oder eine Münze – in einer solchen Versunkenheit, dass äußere Reize vollständig ausgeblendet wurden. Die Menschen um sie herum erschienen ihr „durchsichtig“; selbst plötzliche Geräusche drangen nicht mehr zu ihr durch.

Im Alter von drei Jahren wurde sie einem Neurologen vorgestellt, der die Diagnose Autismus stellte und zugleich andeutete, dass eine lebenslange Unterbringung in einer Institution wahrscheinlich notwendig sein werde. Besonders beunruhigend erschien das völlige Fehlen von Sprache.

Vor diesem Hintergrund stellte sich für Sacks die Frage, wie der Weg von einer derart schwer zugänglichen, chaotischen und von Fixierungen geprägten frühen Lebensphase – einem Zustand, der beinahe zur dauerhaften Institutionalisierung geführt hätte – hin zu der erfolgreichen Wissenschaftlerin und Ingenieurin möglich gewesen war, die er nun zu treffen im Begriff war.

Am Flughafen von Denver rief er Temple Grandin an, um die Verabredung noch einmal zu bestätigen. Es schien ihm möglich, dass sie auf genaue Festlegungen von Zeit und Ort besonderen Wert legen könnte. Sie erklärte ihm, die Fahrt nach Fort Collins dauere etwa eine Stunde und fünfzehn Minuten, und gab ihm eine detaillierte Wegbeschreibung zu ihrem Büro an der Colorado State University, wo sie als Assistenzprofessorin im Fach Tierwissenschaften tätig war. Als er an einer Stelle um Wiederholung bat, reagierte sie unerwartet, indem sie die gesamte Abfolge der Anweisungen – mehrere Minuten lang – nahezu wortgleich erneut vortrug. Es wirkte, als müssten die Angaben genau in der Form wiedergegeben werden, in der sie in ihrem Gedächtnis gespeichert waren – als fest gefügte Einheit, die sich nicht ohne Weiteres in einzelne Elemente auflösen ließ. Lediglich an einer Stelle nahm sie eine Änderung vor: Zunächst hatte sie eine Abzweigung an einem Taco-Bell-Restaurant beschrieben; bei der Wiederholung fügte sie hinzu, dass das Gebäude inzwischen umgestaltet worden sei und nun eher wie ein kleines Landhaus aussehe – überhaupt nicht mehr „bellig“. Gerade dieses spielerische Wort fiel Sacks auf: Autistischen Menschen wird oft ein Mangel an Humor und Vorstellungskraft zugeschrieben, doch „bellig“ wirkte wie eine eigenständige, spontane und durchaus einfallsreiche Wortbildung.

Auf dem Universitätsgelände angekommen, fand Sacks das Gebäude der Tierwissenschaften, wo Temple Grandin ihn bereits erwartete. Sie war eine große, kräftig gebaute Frau in den Vierzigern, gekleidet in Jeans, Strickshirt und Westernstiefel – eine schlichte, funktionale Erscheinung. Ihr Auftreten wirkte direkt und ungeschmückt, frei von jedem Bedürfnis nach äußerer Inszenierung oder sozialer Anpassung. Sie vermittelte den Eindruck einer robusten, pragmatischen Fachfrau aus der Viehwirtschaft, mit wenig Interesse an Konventionen oder Oberflächen. Als sie zur Begrüßung den Arm hob, geriet diese Bewegung kurz ins Stocken, als verharre sie in einer Art fixierter Haltung – ein schwacher Nachklang früherer stereotypischer Bewegungen. Der anschließende Händedruck war fest, dann führte sie ihn ohne Umwege in ihr Büro. Ihr Gang erschien leicht unkoordiniert, wie es bei autistischen Erwachsenen nicht selten vorkommt. Grandin selbst führte dies auf eine leichte Ataxie zurück, verbunden mit einer beeinträchtigten Entwicklung des Gleichgewichtssystems und bestimmter Kleinhirnstrukturen. Eine kurze neurologische Untersuchung bestätigte tatsächlich eine geringe Ataxie, wenn auch nicht in einem Ausmaß, das die Besonderheit ihres Ganges vollständig erklären konnte.

Im Büro angekommen, verzichtete sie auf jede Form von Einleitung oder Small Talk. Keine Fragen nach der Reise, keine Höflichkeitsfloskeln. Der Raum selbst, angefüllt mit Unterlagen und Arbeitsmaterial, hätte dem Büro eines jeden Wissenschaftlers entsprechen können; an den Wänden hingen Fotografien ihrer Projekte, dazu verschiedene kleine Tierobjekte, die sie offenbar auf Reisen gesammelt hatte. Ohne Umschweife begann sie über ihre Arbeit zu sprechen – über ihre frühen Interessen an Psychologie und Tierverhalten, über deren Zusammenhang mit der Selbstbeobachtung und dem Versuch, die eigenen Bedürfnisse als autistische Person zu verstehen, und darüber, wie sich all dies mit ihrer ausgeprägten visuellen und technischen Vorstellungskraft verband und sie schließlich zu jenem Spezialgebiet führte, das sie zu ihrem eigenen gemacht hatte: die Gestaltung von landwirtschaftlichen Anlagen, von Futterplätzen, Gehegen und Schlachthöfen – komplexe Systeme zur Organisation und Steuerung von Tierbewegungen.

Temple Grandin reichte ihm ein Buch mit Entwürfen, die sie im Laufe der Jahre entwickelt hatte – „Beef Cattle Behavior, Handling, and Facilities Design“. Sacks betrachtete die darin enthaltenen Pläne mit wachsender Bewunderung: komplexe, zugleich klar strukturierte Anlagen, ebenso präzise wie ästhetisch in ihrer Anlage. Auch der Aufbau des Buches selbst folgte einer strengen inneren Logik – beginnend mit schematischen Darstellungen des Verhaltens von Rindern, Schafen und Schweinen, weiterführend über einfache Gehegestrukturen bis hin zu immer komplexeren Systemen von Ranches und Futterplätzen.

Grandin sprach deutlich und gut verständlich, doch mit einer eigentümlichen Unaufhaltsamkeit, einer inneren Fixiertheit, die keinen Abbruch zuließ. Ein einmal begonnener Gedanke musste vollständig ausgeführt werden; nichts blieb angedeutet oder unausgesprochen im Raum stehen.

Sacks selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits erschöpft, hungrig und durstig – nach einem langen Reisetag hatte er nicht einmal zu Mittag gegessen – und wartete insgeheim darauf, dass Temple dies bemerken und ihm etwa Kaffee anbieten würde. Nichts dergleichen geschah. Nach etwa einer Stunde, beinahe überwältigt von der Dichte und Unnachgiebigkeit ihrer Rede, die zugleich inhaltlich anspruchsvoll war und seine Aufmerksamkeit auf mehreren Ebenen forderte – nicht nur auf das Gesagte selbst, sondern auch auf die Struktur ihres Denkens und ihre Persönlichkeit –, bat er schließlich selbst um Kaffee. Eine entschuldigende Geste oder ein Hinweis darauf, dass sie dies hätte früher anbieten sollen, blieb aus. Stattdessen führte sie ihn unmittelbar zu einer ständig bereiten Kaffeemaschine im Büro der Sekretärinnen im oberen Stockwerk. Die Vorstellung verlief knapp und ohne Zwischentöne; erneut entstand der Eindruck einer Person, die gelernt hatte, sich in solchen Situationen formal korrekt zu verhalten, ohne jedoch die feinen sozialen Nuancen oder die Perspektive der anderen vollständig zu erfassen.

Nach einer weiteren Stunde in ihrem Büro erklärte Temple unvermittelt: „Zeit fürs Abendessen. Im Westen isst man früh.“ Sie gingen in ein nahegelegenes Restaurant im Westernstil, mit Schwingtüren und dekorativen Gewehren sowie Rinderhörnern an den Wänden; wie angekündigt war es bereits um fünf Uhr nachmittags gut gefüllt. Sie bestellten ein klassisches Menü aus Rippchen und Bier, aßen mit gutem Appetit und sprachen währenddessen weiter über die technischen Aspekte ihrer Arbeit – darüber, wie sie jedes Problem und jede Konstruktion zunächst visuell in ihrem Kopf entwerfe und durchdenke.

Beim Verlassen des Restaurants schlug Sacks einen Spaziergang vor, und Temple führte ihn zu einer Wiese entlang einer alten Eisenbahnlinie. Die Luft kühlte rasch ab – sie befanden sich auf etwa 1500 Metern Höhe –, im langen Abendlicht erfüllten Mücken die Luft, und Grillen zirpten ringsum. In einer feuchten Senke unterhalb der Gleise entdeckte Sacks Schachtelhalme, eine Pflanze, für die er eine besondere Vorliebe hatte, und reagierte mit sichtbarer Begeisterung. Temple warf einen kurzen Blick darauf, sagte „Equisetum“, zeigte jedoch keine erkennbare Regung.

Während des Fluges nach Denver hatte Sacks einen bemerkenswerten Text gelesen, verfasst von einem hochbegabten, nicht autistischen neunjährigen Kind – eine Art Märchen, durchdrungen von mythischer Vorstellungskraft, bevölkert von einer eigenen Welt aus Magie, Animismus und kosmologischen Bildern. Während sie nun durch die Schachtelhalme gingen, fragte er sich, welche Form von Weltdeutung Temple besaß: Welche Bedeutung hatten Mythen oder dramatische Erzählungen für sie? Wie reagierte sie darauf? Auf seine Frage nach den griechischen Mythen antwortete sie, sie habe viele davon als Kind gelesen und besonders die Geschichte von Ikarus im Gedächtnis behalten – den Flug zur Sonne, das Schmelzen der Flügel, den Sturz. „Nemesis und Hybris verstehe ich“, sagte sie. Die Liebesgeschichten der Götter hingegen ließen sie unberührt und verwirrten sie eher. Ähnlich verhielt es sich mit Shakespeare: Romeo und Julia habe sie nie verstanden – „ich wusste nie, was die beiden eigentlich vorhatten“ –, und bei Hamlet verliere sie sich in der komplizierten Abfolge der Handlung. Sie führte dies auf Schwierigkeiten in der zeitlichen Abfolge zurück; tatsächlich schien es eher an der fehlenden Einfühlung in die Figuren zu liegen, an der Unfähigkeit, die komplexen Wechselspiele von Motiven und Absichten nachzuvollziehen. Einfache, grundlegende Emotionen könne sie verstehen, sagte sie, doch komplexere Gefühlslagen und soziale „Spiele“ blieben ihr verschlossen. „Die meiste Zeit“, fügte sie hinzu, „komme ich mir vor wie eine Anthropologin auf dem Mars.“

Sie lege großen Wert darauf, ihr eigenes Leben einfach zu halten und möglichst klar zu strukturieren. Über die Jahre hinweg habe sie eine umfangreiche Sammlung von Erfahrungen aufgebaut – vergleichbar mit einer Bibliothek von Videobändern, die sie jederzeit in ihrem Kopf abspielen könne: Aufzeichnungen darüber, wie Menschen sich in bestimmten Situationen verhielten. Diese „Aufnahmen“ spiele sie immer wieder durch, vergleiche sie miteinander und gewinne so allmählich ein Verständnis dafür, wie Menschen in ähnlichen Situationen reagieren könnten. Ergänzt werde diese Erfahrung durch kontinuierliche Lektüre, auch von Fachzeitschriften und Wirtschaftsblättern wie dem Wall Street Journal, wodurch sich ihr Wissen über die „Spezies Mensch“ erweitere. „Es ist ein rein logischer Prozess“, erklärte sie.

In einer von ihr entworfenen Anlage sei es wiederholt zu Störungen gekommen, jedoch ausschließlich dann, wenn ein bestimmter Mitarbeiter, John, anwesend gewesen sei. Durch die wiederholte Korrelation dieser Ereignisse habe sie schließlich den Schluss gezogen, dass er die Anlagen bewusst sabotiere. „Ich musste lernen, misstrauisch zu sein – ich musste es kognitiv lernen. Ich konnte zwei und zwei zusammenzählen, aber ich konnte den eifersüchtigen Ausdruck in seinem Gesicht nicht erkennen.“ Solche Situationen seien in ihrem Leben nicht selten gewesen. „Manche Menschen kommen damit nicht zurecht, dass diese autistische ‚Sonderfigur‘ hier hereinkommt und die gesamte Anlage entwirft. Sie wollen die Ergebnisse, aber es ärgert sie, dass sie es selbst nicht können – während Tom und ich es können, dass wir sozusagen Hunderttausend-Dollar-Workstations im Kopf haben.“ In ihrer anfänglichen Naivität und Gutgläubigkeit sei sie häufig Ziel von Täuschungen und Ausnutzungen geworden; eine solche Unvoreingenommenheit, die nicht aus moralischer Reinheit, sondern aus einem fehlenden Verständnis für Verstellung und Täuschung entsteht, sei bei vielen autistischen Menschen zu beobachten. Im Laufe der Jahre habe sie jedoch – auf indirektem Weg, durch die Auswertung ihrer „inneren Bibliothek“ – gelernt, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie habe ein eigenes Unternehmen gegründet und arbeite international als Beraterin und Designerin für Anlagen zur Tierhaltung. Nach beruflichen Maßstäben sei sie außerordentlich erfolgreich. Andere Formen menschlicher Beziehungen jedoch – soziale oder sexuelle – blieben ihr weitgehend unverständlich. „Meine Arbeit ist mein Leben“, sagte sie mehrfach. „Viel mehr gibt es nicht.“

In ihrer Stimme, so erschien es Sacks, lagen Schmerz, Verzicht, Entschlossenheit und Akzeptanz zugleich – eine Mischung von Empfindungen, die sich auch in ihren Texten wiederfindet. In einem ihrer Aufsätze beschreibt sie sich als kaum eingebunden in das soziale Leben ihrer Umgebung, weder in der Stadt noch an der Universität. Ihre Kontakte beschränken sich weitgehend auf Menschen aus der Viehwirtschaft oder auf solche, die sich mit Autismus beschäftigen. Die Abende am Wochenende verbringt sie meist schreibend oder zeichnend. Ihre Interessen sind sachlich ausgerichtet; auch ihre Lektüre besteht überwiegend aus wissenschaftlichen oder landwirtschaftlichen Fachpublikationen. Romane mit komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen sprechen sie kaum an – nicht zuletzt, weil es ihr schwerfällt, längere Handlungsabläufe nachzuvollziehen. Deutlich größere Anziehung üben hingegen präzise Beschreibungen neuer Technologien, etwa in der Science-Fiction, oder Darstellungen fremder, entlegener Orte aus. Ohne die Herausforderung ihrer beruflichen Tätigkeit, so sagt sie, wäre ihr Leben kaum erträglich.

Am nächsten Morgen, einem Samstag, holte Temple Sacks in ihrem geländegängigen Fahrzeug ab – einem robusten Wagen, mit dem sie weite Strecken durch den Westen zurücklegt, um Farmen, Ranches, Gehege und Schlachtanlagen zu besuchen. Auf dem Weg zu ihrem Haus befragte Sacks sie zu ihrer Dissertation, die sich mit den Auswirkungen unterschiedlich stimulierender Umgebungen auf die Gehirnentwicklung von Schweinen beschäftigte. Sie schilderte die deutlichen Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen: Die Tiere aus den angereicherten Umgebungen seien lebhaft, sozial und zugänglich gewesen, während die aus reizarmen Bedingungen stammenden Tiere zu Übererregbarkeit, Aggression und beinahe autismusähnlichem Verhalten neigten. Sie stellte selbst die Frage, ob nicht auch beim Menschen ein Mangel an Erfahrung eine Rolle bei der Entstehung autistischer Zustände spielen könne. Über ihre Tiere sprach sie mit spürbarer Zuneigung. „Ich habe meine Schweine aus der angereicherten Umgebung geliebt“, sagte sie. „Ich war sehr an sie gebunden – so sehr, dass ich sie nicht selbst töten konnte.“ Am Ende des Experiments mussten die Tiere getötet werden, um ihre Gehirne untersuchen zu können. Sie beschrieb, wie die Schweine ihr vertrauten und sich von ihr führen ließen, wie sie sie streichelte und beruhigend auf sie einsprach, während sie getötet wurden. Ihr Tod habe sie tief erschüttert – „ich habe geweint und geweint“.

Kurz nach dieser Schilderung erreichten sie ihr Haus – ein kleines zweistöckiges Gebäude in einiger Entfernung vom Campus. Das Erdgeschoss war wohnlich eingerichtet, mit Sofa, Sesseln, Fernseher und Bildern an den Wänden, wirkte jedoch wenig genutzt. An einer Wand hing eine große Sepiaaufnahme der Farm ihres Großvaters in Grandin, North Dakota, aus dem Jahr 1880; ein anderer Großvater, so erzählte sie, habe den Autopiloten für Flugzeuge mitentwickelt. In diesen beiden familiären Linien sieht sie selbst die Wurzeln ihrer landwirtschaftlichen und technischen Begabungen. Im Obergeschoss befand sich ihr Arbeitsraum, ausgestattet mit einer Schreibmaschine – jedoch ohne Computer –, überfüllt mit Manuskripten und Büchern, die sich aus dem Arbeitszimmer in die übrigen Räume ausbreiteten. Der Eindruck war der eines Hauses, das in erster Linie dem Arbeiten diente. An einer Wand hing ein großes Kuhfell, bedeckt mit einer Vielzahl von Ausweisen und Kappen aus den unzähligen Konferenzen, auf denen sie gesprochen hatte. Nebeneinander fanden sich dort unter anderem ein Ausweis des American Meat Institute und einer der American Psychiatric Association – ein bezeichnendes Nebeneinander, das auch die doppelte Ausrichtung ihrer Arbeit widerspiegelt. Temple Grandin hat mehr als hundert Fachartikel veröffentlicht, teils zur Tierhaltung und Anlagenplanung, teils zum Autismus; die enge Verbindung beider Bereiche zeigte sich hier in greifbarer Form.

Ohne jede Scheu oder Verlegenheit – Regungen, die ihr fremd zu sein scheinen – führte sie Sacks schließlich auch in ihr Schlafzimmer. Der Raum war karg eingerichtet, mit weiß gestrichenen Wänden, einem einfachen Bett und, unmittelbar daneben, einem großen, ungewöhnlich wirkenden Apparat. Auf seine Frage antwortete sie knapp: „Das ist meine Squeeze-Maschine. Manche nennen sie auch meine Umarmungsmaschine.“

Das Gerät bestand aus zwei schweren, schräg stehenden Holzwänden, jeweils etwa einen Meter hoch und breit, weich gepolstert, die über Scharniere mit einer schmalen Bodenplatte verbunden waren und so eine V-förmige, körpergroße Mulde bildeten. An einem Ende befand sich ein komplexes Steuergehäuse, von dem dicke Schläuche zu einem weiteren Gerät in einem angrenzenden Schrank führten. Auch dieses zeigte sie ihm. „Ein industrieller Kompressor“, erklärte sie, „wie man ihn zum Aufpumpen von Reifen verwendet.“

Auf die Frage nach der Funktion antwortete sie, das Gerät übe einen festen, aber angenehmen Druck auf den Körper aus, von den Schultern bis zu den Knien – wahlweise gleichmäßig, variabel oder pulsierend. Man lege sich hinein, schalte den Kompressor ein und könne die Intensität über die Steuerung selbst regulieren.

Warum man sich einem solchen Druck freiwillig aussetzen wolle, erklärte sie anhand ihrer Kindheit. Als kleines Mädchen habe sie sich nach Umarmungen gesehnt und zugleich jede Form von Berührung als bedrohlich erlebt. Besonders die Umarmungen einer großen, geliebten Tante hätten sie überwältigt – zugleich angenehm und angstbesetzt, beruhigend und bedrohlich. Bereits im Alter von fünf Jahren begann sie von einer Maschine zu träumen, die sie fest, aber kontrollierbar umfassen könnte – eine Umarmung, die sie selbst steuert. Jahre später, als Jugendliche, sah sie eine Vorrichtung zum Fixieren von Kälbern und erkannte darin die Möglichkeit, diese Vorstellung zu verwirklichen: Mit einigen Anpassungen ließe sich daraus ein Gerät für den menschlichen Gebrauch entwickeln. Andere Ideen – etwa aufblasbare Anzüge, die gleichmäßigen Druck auf den gesamten Körper ausüben – verwarf sie; die Einfachheit der vorhandenen Konstruktion erschien ihr überzeugender.

Als praktisch veranlagter Mensch setzte sie diese Vorstellung bald um. Die ersten Modelle waren noch unvollkommen, doch allmählich entwickelte sie ein System, das zuverlässig funktionierte und genau jene beruhigende Wirkung erzeugte, die sie sich erhofft hatte. Ohne diese Maschine, so sagte sie, hätte sie die schwierigen Jahre ihres Studiums kaum bewältigen können. Was sie von Menschen nicht erhalten konnte – Trost, Beruhigung, körperliche Nähe –, fand sie hier. Die Maschine stand offen in ihrem Zimmer, weder verborgen noch demonstrativ präsentiert, wurde jedoch von anderen oft mit Spott oder Misstrauen betrachtet und von Psychiatern als Ausdruck einer Regression oder Fixierung gedeutet. Mit der für sie typischen Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit ließ sie sich davon nicht beirren und suchte stattdessen nach einer wissenschaftlichen Bestätigung ihrer Erfahrungen.

Noch vor und nach ihrer Promotion untersuchte sie systematisch die Wirkung von tiefem Druck auf autistische Menschen, auf Studierende und auf Tiere. Eine entsprechende Studie wurde im Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology veröffentlicht. Inzwischen wird ihre Squeeze-Maschine – in verschiedenen Weiterentwicklungen – in klinischen Studien erprobt. Zugleich gilt sie als führende Expertin für die Konstruktion von Fixier- und Führungssystemen für Rinder und hat zahlreiche Fachartikel zur Theorie und Praxis schonender Tierführung veröffentlicht.

Während sie dies erklärte, kniete Temple nieder, legte sich dann der Länge nach, mit dem Gesicht nach unten, in die V-förmige Vorrichtung, schaltete den Kompressor ein – es dauerte einen Moment, bis sich der Hauptzylinder füllte – und begann, die Steuerung zu bedienen. Die gepolsterten Seiten bewegten sich aufeinander zu, schlossen sich fest um ihren Körper, lockerten sich dann wieder leicht, als sie eine kleine Korrektur vornahm. Der Anblick war befremdlich, beinahe irritierend, und zugleich von einer eigentümlichen Schlichtheit. An der Wirkung bestand kein Zweifel. Ihre Stimme, sonst oft laut und hart, wurde leiser, weicher. Sie sagte, sie konzentriere sich darauf, die Bewegung möglichst sanft zu gestalten, und sprach davon, wie notwendig es sei, sich dem vollständig hinzugeben. „Jetzt entspanne ich mich wirklich“, fügte sie leise hinzu. „Andere bekommen das wohl durch Beziehungen zu Menschen.“

Nach ihrer Darstellung bewirkt die Maschine jedoch nicht nur Entspannung oder körperliches Wohlbefinden, sondern eröffnet auch einen Zugang zu anderen Menschen. Während sie darin liegt, so sagt sie, denkt sie häufig an ihre Mutter, an ihre Lieblings­tante, an ihre Lehrer. Sie empfindet deren Zuneigung und zugleich ihre eigene. Die Maschine öffne gewissermaßen einen Zugang zu einem sonst verschlossenen emotionalen Bereich und ermögliche es ihr – beinahe wie ein Lernprozess –, Empathie zu empfinden.

Nach etwa zwanzig Minuten richtete sie sich wieder auf. Sie wirkte sichtbar ruhiger, emotional weniger angespannt – sie bemerkte selbst, dass selbst eine Katze diesen Unterschied sofort wahrnehmen könne – und fragte, ob Sacks die Maschine ebenfalls ausprobieren wolle.

Er folgte der Einladung, neugierig, wenn auch mit einem Anflug von Befangenheit, der jedoch dadurch gemildert wurde, dass Temple selbst keinerlei Selbstbewusstsein im sozialen Sinn zeigte. Sie schaltete den Kompressor erneut ein, füllte den Zylinder, und er begann vorsichtig, die Steuerung zu testen. Die Empfindung war tatsächlich angenehm und beruhigend – sie erinnerte ihn an frühere Erfahrungen beim Tauchen, an den gleichmäßigen Druck des Wassers auf den Körper, wie eine umfassende, körperliche Umhüllung.

Nach diesem Versuch – beide nun deutlich entspannter – fuhren sie zur Versuchsfarm der Universität, wo Temple einen großen Teil ihrer praktischen Arbeit durchführt. Sacks hatte zuvor vermutet, es könne eine Trennung geben, vielleicht sogar eine Kluft, zwischen der persönlichen, inneren Welt ihres Autismus und der äußeren, professionellen Sphäre ihrer Tätigkeit. Doch zunehmend zeigte sich, dass eine solche Trennung kaum existierte; bei ihr waren beide Bereiche unauflöslich miteinander verbunden.

Rinder, erklärte Temple, reagieren auf viele Reize in ähnlicher Weise wie autistische Menschen: hochfrequente Geräusche, zischende Luft oder plötzliche laute Töne können sie stark beunruhigen, während tiefe, gleichmäßige Geräusche weniger stören. Auch visuelle Reize spielen eine Rolle – starke Kontraste, Schatten oder abrupte Bewegungen wirken irritierend. Eine leichte Berührung führt oft zum Zurückweichen, während ein fester Druck beruhigend wirkt. Sie zog eine direkte Parallele zu ihrem eigenen Erleben: So, wie sie früher auf Berührung reagiert habe, reagiere auch ein scheues Rind. Die Gewöhnung an Berührung gleiche in gewisser Weise dem Zähmen eines wilden Tieres. Gerade dieses Empfinden einer gemeinsamen Grundlage von Wahrnehmung und Gefühl zwischen Mensch und Tier habe es ihr ermöglicht, eine besondere Sensibilität für Tiere zu entwickeln und sich mit Nachdruck für einen schonenden Umgang mit ihnen einzusetzen.

Diese Einsicht, so meinte sie, sei sowohl aus ihrer eigenen Erfahrung als autistische Person erwachsen als auch aus ihrer Herkunft – aus einer Familie von Farmern und aus ihrer Kindheit, die sie zu großen Teilen auf Höfen verbracht hatte. Hinzu komme ihre besondere Art zu denken. „Wenn man visuell denkt, fällt es leichter, sich in Tiere hineinzuversetzen“, sagte sie. „Wenn alles Denken sprachlich ist, wie sollte man sich dann vorstellen können, wie ein Rind denkt?“ Ihr eigenes Denken war seit jeher stark bildhaft geprägt. Sie war überrascht gewesen, als sie erkannte, dass diese nahezu halluzinatorische Bildhaftigkeit nicht allgemein verbreitet ist und andere Menschen offenbar auf ganz andere Weise denken. Diese Differenz blieb ihr schwer verständlich. Immer wieder fragte sie Sacks: „Wie denken Sie?“ Gleichzeitig hatte sie lange kein Bewusstsein dafür gehabt, dass sie zeichnen oder technische Pläne erstellen konnte. Erst mit achtundzwanzig Jahren, als sie einem Zeichner bei der Arbeit zusah, begann sich dies zu ändern. Sie beobachtete genau, wie er vorging, beschaffte sich die gleichen Werkzeuge – bis hin zu einem 0,5-mm-HB-Pentel-Bleistift – und begann, ihn gewissermaßen nachzuahmen. „Ich habe so getan, als wäre ich er“, erklärte sie. „Die Zeichnung hat sich dann von selbst ergeben.“ Sie habe das Zeichnen nicht im eigentlichen Sinn gelernt, sondern sich die Fähigkeit angeeignet, indem sie sich in eine andere Person hineinversetzte.

Temple beschreibt ihr Denken selbst als eine fortwährende Abfolge innerer „Simulationen“. Sie stellt sich vor, wie ein Tier in eine Vorrichtung hineingeht, betrachtet die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln, aus unterschiedlichen Entfernungen, in Nah- oder Totaleinstellung, sogar aus der Perspektive eines Hubschraubers. Mitunter versetzt sie sich selbst in das Tier hinein und versucht nachzuempfinden, wie sich der Vorgang aus dessen Sicht anfühlt.

Diese Form des Denkens wirft zugleich Fragen auf: Wer ausschließlich in Bildern denkt, hat möglicherweise keinen Zugang zu nicht-visuellen Denkformen und damit auch nicht zu der Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit und kulturellen Tiefe von Sprache. Temple hatte zuvor geäußert, dass alle autistischen Menschen in dieser Weise visuell orientiert seien. Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage, ob ihre ausgeprägte Bildhaftigkeit nicht einen zentralen Schlüssel zum Verständnis ihres Autismus darstellt.

Als sie die Farm erreichten, die ansonsten meist ruhig war, hörten sie bereits von Weitem ein lautes, anhaltendes Brüllen. Temple vermutete sofort, dass an diesem Morgen die Kälber von den Kühen getrennt worden waren – und genau dies war geschehen. Eine Kuh lief außerhalb der Umzäunung umher, suchte ihr Kalb und rief nach ihm. „Das ist keine zufriedene Kuh“, sagte Temple. „Das ist eine unglückliche, verstörte Kuh. Sie will ihr Junges. Sie ruft nach ihm, sucht es. Eine Zeit lang lässt es nach, dann beginnt es wieder. Es ist wie Trauer, wie Verlust – darüber wird wenig gesprochen. Menschen neigen dazu, Tieren solche Empfindungen abzusprechen. Skinner hätte das nicht zugelassen.“

Während ihres Studiums in New Hampshire hatte Temple Grandin an B. F. Skinner geschrieben, den bedeutenden Vertreter des Behaviorismus, und ihn schließlich auch besucht. Sie erinnerte sich daran als an eine Begegnung von beinahe religiöser Bedeutung – „wie eine Audienz bei Gott“ –, die sich jedoch als enttäuschend erwies. Skinner habe ihr erklärt, es sei nicht notwendig zu verstehen, wie das Gehirn funktioniere; alles lasse sich auf konditionierte Reiz-Reaktions-Muster zurückführen. Diese Auffassung konnte sie nicht akzeptieren. Für sie war es ausgeschlossen, menschliches oder tierisches Verhalten ausschließlich als mechanische Abfolge von Stimulus und Reaktion zu begreifen. Rückblickend erschien ihr die behavioristische Epoche als eine Phase, in der Tieren systematisch Gefühle abgesprochen wurden und man sie als bloße Automaten behandelte – eine Haltung, die sich sowohl in der experimentellen Forschung als auch in der Praxis von Landwirtschaft und Schlachtung in besonderer Grausamkeit äußerte. Behaviorismus, so hatte sie gelesen, sei eine gefühllose Wissenschaft – und genau so habe sie ihn selbst erlebt. Ihr eigenes Anliegen sei es gewesen, das Empfinden der Tiere wieder sichtbar zu machen und in die Praxis der Tierhaltung zurückzuführen.

Der Anblick der trauernden Kuh, ihr verzweifeltes Rufen nach dem Kalb, rief in Temple nicht nur Mitgefühl, sondern auch Zorn hervor und lenkte ihre Gedanken auf die Grausamkeiten in der Fleischproduktion. Mit Geflügel habe sie zwar nicht gearbeitet, sagte sie, doch gerade die Tötung von Hühnern erscheine ihr besonders abstoßend: Man greife sie, hänge sie kopfüber auf und durchtrenne ihnen die Kehle. Ähnliche Praktiken, so fügte sie hinzu, fänden sich auch bei Rindern, etwa in älteren koscheren Schlachtbetrieben, wo Tiere fixiert und kopfüber aufgehängt würden, sodass das Blut in den Kopf schieße, bevor der Schnitt erfolge. Dabei kämen nicht selten Verletzungen zustande; Tiere schrien vor Schmerz und Angst. Solche Verfahren würden inzwischen zunehmend verändert. Richtig durchgeführt, meinte sie, sei Schlachtung „humaner als die Natur selbst“: Wenige Sekunden nach dem Schnitt setze die Ausschüttung von Endorphinen ein, und das Tier sterbe ohne Schmerz – vergleichbar mit natürlichen Situationen, etwa wenn ein Schaf von Raubtieren gerissen werde. Was sie als wirklich unerträglich empfinde, sei nicht der Tod selbst, sondern das vermeidbare Leiden im Vorfeld – Angst, Stress, unnötige Gewalt. Genau hier setze ihr Engagement an. „Ich will die Fleischindustrie verändern“, sagte sie. „Die Aktivisten wollen sie abschaffen.“ Und fügte hinzu: „Ich habe eine radikale Abneigung gegen alles Radikale.“

Abseits des Lärms der getrennten Kühe und Kälber, deren Unruhe Temple nahezu körperlich zu spüren schien, gelangten sie zu einem ruhigeren Bereich der Farm, wo Rinder friedlich weideten. Temple kniete nieder, hielt etwas Heu hin, und ein Tier trat heran, nahm das Futter und berührte ihre Hand sanft mit der Schnauze. Ein ruhiger, zufriedener Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Jetzt bin ich zu Hause“, sagte sie. „Bei Rindern ist nichts daran kognitiv. Ich weiß einfach, was sie fühlen.“

Die Tiere schienen diese Haltung wahrzunehmen – ihre Ruhe, ihre Sicherheit – und näherten sich ihr ohne Zögern. Sacks hingegen blieben sie fern; möglicherweise registrierten sie seine Unsicherheit, die Unsicherheit eines Menschen, der vor allem in kulturellen Symbolsystemen lebt und nicht gewohnt ist, sich gegenüber großen, nichtsprachlichen Wesen zu orientieren.

Im Umgang mit Menschen sei dies grundlegend anders, erklärte Temple und griff damit ihre frühere Bemerkung wieder auf, sie fühle sich oft wie eine Anthropologin auf einem fremden Planeten. Der Versuch, menschliches Verhalten zu verstehen, gleiche für sie dem Studium einer fremden Kultur. Bei Tieren hingegen erlebe sie keine solche Distanz.

Für Sacks wurde hier eine tiefgreifende Differenz sichtbar: auf der einen Seite Temple Grandins unmittelbare, intuitive Wahrnehmung tierischer Zustände, auf der anderen ihre erheblichen Schwierigkeiten im Umgang mit menschlichen Ausdrucksformen, sozialen Codes und Verhaltensmustern. Es wäre jedoch falsch, daraus auf Gefühllosigkeit oder mangelnde Anteilnahme zu schließen. Im Gegenteil: Ihre Sensibilität für die Empfindungen von Tieren war so stark, dass sie sie mitunter überwältigte. Sie konnte körperliche Zustände – Schmerz, Angst – unmittelbar nachempfinden, hatte jedoch Schwierigkeiten, komplexere mentale oder emotionale Perspektiven von Menschen zu erfassen. In ihrer Kindheit war sie kaum in der Lage gewesen, selbst einfache emotionale Ausdrucksformen zu deuten; später lernte sie, diese gewissermaßen zu „entschlüsseln“, ohne sie notwendigerweise zu empfinden. Eine ähnliche Beobachtung war Sacks bereits von der Psychologin Beate Hermelin berichtet worden: Ein intelligentes autistisches Mädchen hatte das Weinen eines anderen Kindes lediglich als „ein seltsames Geräusch“ registriert, ohne dessen Bedeutung zu erfassen. Auch Jessy Park war ihm in den Sinn gekommen, die zwar verstand, dass Zwiebeln Tränen hervorrufen können, jedoch nicht begreifen konnte, dass Menschen auch aus Freude weinen.

Auf der Ebene unmittelbarer Wahrnehmung – des Sensorischen, Konkreten – ist Temple außerordentlich empfindsam. Sie könne erkennen, sagte sie, ob ein Mensch wütend sei oder lächle. Auf dieser elementaren Ebene bestehen keine Schwierigkeiten. Anders verhält es sich bei komplexeren sozialen Situationen. Kinder etwa, so erklärte sie, seien für sie besonders schwer zugänglich – schwieriger noch als Erwachsene. Schon einfache Spiele wie „Kuckuck“ bereiteten ihr Probleme, weil sie den zeitlichen Ablauf nicht richtig erfassen könne. Kinder verfügten ihrer Ansicht nach bereits im Alter von drei oder vier Jahren über ein Verständnis für andere Menschen, das ihr selbst verschlossen geblieben sei.

Was also geschieht zwischen Menschen, fragte Sacks weiter, das ihr unzugänglich bleibt? Nach ihrer eigenen Einschätzung handelt es sich um ein implizites Wissen – um ein Verständnis sozialer Regeln, kultureller Voraussetzungen und unausgesprochener Bedeutungen, das sich bei den meisten Menschen im Laufe des Lebens aus Erfahrungen bildet. Dieses implizite Wissen fehlt ihr weitgehend. An seine Stelle tritt ein bewusster, kognitiver Prozess: Sie versucht, die Gefühle, Absichten und Denkweisen anderer Menschen explizit zu berechnen, algorithmisch zu rekonstruieren, was für andere selbstverständlich ist. Möglicherweise, so vermutet sie selbst, habe sie nie jene frühen sozialen Erfahrungen gemacht, aus denen sich ein solches intuitives Verständnis entwickeln kann.

Aus diesem Mangel lassen sich auch ihre früheren Schwierigkeiten mit Sprache und Gestik erklären – Schwierigkeiten, die in der frühen Kindheit besonders ausgeprägt waren. Als nahezu sprachloses Kind hatte sie große Probleme, die Bedeutung von Pronomen zu erfassen; sie verwechselte „ich“ und „du“, da sie deren Kontextabhängigkeit nicht verstand.

Umso bemerkenswerter ist der Weg, den sie von diesem Ausgangspunkt genommen hat. Im Alter von drei Jahren wurde sie – eher als Versuch, ohne große Erwartungen – in eine spezielle Vorschule für verhaltensauffällige und beeinträchtigte Kinder aufgenommen; zugleich begann eine Sprachtherapie. Entgegen allen Prognosen gelang es den Lehrern und Therapeuten, einen Zugang zu ihr zu finden und sie, wie sie später selbst empfand, aus einem Zustand nahezu vollständiger Isolation herauszuführen. Der Autismus blieb bestehen, doch die neu gewonnenen sprachlichen Fähigkeiten ermöglichten ihr erstmals eine gewisse Orientierung, eine Strukturierung dessen, was zuvor chaotisch gewesen war. Auch ihre Wahrnehmung begann sich etwas zu stabilisieren, die extremen Schwankungen zwischen Überempfindlichkeit und Reizarmut nahmen ab. Rückschritte blieben nicht aus, doch bereits im Alter von sechs Jahren hatte sie eine funktionale Sprache entwickelt und damit eine entscheidende Schwelle überschritten – jene Grenze, die hochfunktionale von niedrigfunktionalen Formen trennt. Mit dem Zugang zur Sprache begannen sich auch die drei zentralen Einschränkungsbereiche – sozial, kommunikativ und imaginativ – allmählich zu lockern. Erste Beziehungen wurden möglich, vor allem zu einzelnen Lehrern, die ihre Begabung erkannten und zugleich ihre schwierigen Verhaltensweisen ertragen konnten – ihre unablässige Rede, ihre Fixierungen, ihre Wutausbrüche. Ebenso wichtig war die Entwicklung von Spiel und Kreativität: Malen, Zeichnen, das Bauen von Modellen sowie eigentümliche, originelle Formen des Regelbruchs. Im Alter von acht Jahren begann sie Formen des „Als-ob-Spiels“ zu entwickeln, die bei nicht-autistischen Kindern bereits im Kleinkindalter auftreten, bei stärker beeinträchtigten autistischen Kindern jedoch oft ganz fehlen.

Eine zentrale Rolle spielten dabei ihre Mutter, eine Tante und mehrere Lehrer; ebenso entscheidend war jedoch ein langsamer Entwicklungsprozess, wie er bei vielen autistischen Menschen zu beobachten ist. Als Entwicklungsstörung verändert sich Autismus im Verlauf des Lebens; seine Ausprägung kann sich abschwächen, und es entstehen Möglichkeiten, besser mit ihm umzugehen.

Temple Grandin hatte sich während ihrer Schulzeit nach Freundschaften gesehnt und wäre, hätte sich eine solche ergeben, mit großer Intensität und Loyalität an einen Freund gebunden gewesen – zeitweise begleitete sie sogar ein imaginärer Freund über mehrere Jahre. Dennoch blieb sie isoliert. Etwas in ihrer Art zu sprechen, in ihrem Verhalten, wirkte auf andere befremdlich; ihre Intelligenz wurde anerkannt, doch eine wirkliche Aufnahme in die Gemeinschaft erfolgte nicht. Sie selbst konnte lange nicht verstehen, woran dies lag. Ihr fehlte das Bewusstsein, anders zu sein; sie nahm vielmehr die anderen als die Abweichenden wahr und blieb ratlos angesichts ihres eigenen Außenseitertums. Zwischen den anderen Kindern schien sich ein fortwährender Austausch abzuspielen – schnell, subtil, ständig im Wandel –, eine Art stiller Verständigung, deren Tempo und Feinheit sie zuweilen an Telepathie denken ließ. Heute weiß sie um die Existenz solcher sozialen Signale. Sie kann sie erschließen, sagt sie, doch nicht unmittelbar wahrnehmen oder in diese Form der Kommunikation eintreten. Die vielschichtigen, kaleidoskopartigen Zustände, die diesem Austausch zugrunde liegen, bleiben ihr weitgehend unzugänglich. In dem Bewusstsein dieser Grenze versucht sie, durch gezielte Anstrengung zu kompensieren: Sie setzt erhebliche intellektuelle Energie ein, analysiert, berechnet, rekonstruiert – Prozesse, die andere ohne Nachdenken vollziehen. Aus dieser Diskrepanz entsteht ihr anhaltendes Gefühl, eine Fremde zu sein.

Eine entscheidende Wendung trat im Alter von fünfzehn Jahren ein. Temple hatte sich damals intensiv für die sogenannten „Squeeze Chutes“ interessiert – Vorrichtungen zur Fixierung von Rindern. Ein naturwissenschaftlicher Lehrer nahm diese ungewöhnliche Faszination ernst und ermutigte sie, selbst eine solche Vorrichtung zu bauen, statt sie als bloße Marotte abzutun. Von diesem konkreten Ausgangspunkt aus führte er sie weiter zu allgemeinen Fragestellungen der Biologie und schließlich zur Wissenschaft insgesamt. In diesem Bereich, so stellte sich heraus, fand Temple eine Sprache, die ihr entgegenkam. Während sie im alltäglichen Sprachgebrauch weiterhin Schwierigkeiten hatte – Anspielungen, implizite Bedeutungen, Ironie, Metaphern oder Witze blieben ihr oft verschlossen –, bot die Sprache der Naturwissenschaften eine Klarheit und Eindeutigkeit, die sie als entlastend empfand. Technische Begriffe und Strukturen waren für sie leicht zugänglich, während soziale Kommunikation schwierig blieb. Auf diese Weise eröffnete sich ihr ein Weg in die wissenschaftliche Arbeit.

Doch so sehr sich auf dieser Ebene eine gewisse Stabilisierung einstellte – indem ein großer Teil ihrer intellektuellen und emotionalen Energie in die Wissenschaft gelenkt wurde –, blieben andere Spannungen bestehen. Mit dem Eintritt in die Pubertät wurde ihr zunehmend bewusst, dass ein „normales“ Leben, mit den damit verbundenen Formen von Nähe, Freundschaft und sozialer Einbindung, für sie möglicherweise unerreichbar bleiben würde. Für begabte autistische Jugendliche kann diese Einsicht in dieser Lebensphase besonders belastend sein; sie führt nicht selten zu Depressionen, in einzelnen Fällen sogar zu Suizidgedanken. Temple begegnete dieser Situation durch eine Kombination aus Verzicht und Entschlossenheit: Sie entschied sich für ein zölibatäres Leben und machte die wissenschaftliche Arbeit zum zentralen Inhalt ihrer Existenz.

Gleichzeitig lernte sie in dieser Zeit, wie empfindlich ihr gesamtes System – emotional, kognitiv und körperlich – auf äußere Einflüsse reagiert. Starke Sinnesreize, Stress, Erschöpfung oder Konflikte konnten sie leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Die hormonellen Veränderungen der Pubertät verstärkten diese Instabilität zusätzlich. Zugleich war diese Phase von einer besonderen Intensität geprägt, von einer starken inneren Anspannung. Erst nach Abschluss ihres Studiums, mit dem Beginn ihrer beruflichen Laufbahn, sah sie die Möglichkeit, diese Spannung zu reduzieren – ja, sie hielt dies für notwendig, um nicht physisch zusammenzubrechen. In diesem Zusammenhang begann sie, eine geringe Dosis Imipramin einzunehmen, ein Medikament, das als Antidepressivum eingesetzt wird. In ihrer Autobiografie beschreibt sie die ambivalenten Wirkungen dieser Behandlung: Die fieberhafte Suche nach grundlegenden Sinnzusammenhängen habe nachgelassen, ebenso die zwanghafte Fixierung auf einzelne Themen. Gleichzeitig habe sie in den vergangenen Jahren weniger Tagebuch geschrieben, da das Medikament einen Teil ihrer inneren Intensität abgeschwächt habe. Die geringere innere Spannung habe jedoch ihre berufliche Entwicklung erleichtert, ihre Beziehungen verbessert und stressbedingte körperliche Beschwerden reduziert. Rückblickend äußert sie die Vermutung, dass eine frühere medikamentöse Behandlung möglicherweise ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt hätte; die nervöse Unruhe und die Fixierungen hätten zunächst auch als Antrieb gewirkt, bevor sie schließlich zu gesundheitlichen Problemen führten.

Sacks erinnerte sich in diesem Zusammenhang an eine Bemerkung des Dichters Robert Lowell über die Wirkung von Lithium: Es bringe Stabilität, nehme jedoch zugleich der Dichtung einen Teil ihrer Kraft. Auch Temple ist sich dieses Spannungsverhältnisses bewusst; dennoch hält sie die gewonnene Stabilität in ihrer gegenwärtigen Lebensphase für den größeren Gewinn, auch wenn sie gelegentlich die frühere Intensität vermisst.

Ein verlangsamter Entwicklungsverlauf kann, so zeigt sich, zugleich die Möglichkeit einer fortgesetzten Entwicklung eröffnen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Temple ihre sozialen Fähigkeiten schrittweise erweitert. Noch vor etwa zehn Jahren, so wurde Sacks berichtet, habe sie bei Vorträgen kaum Blickkontakt zum Publikum gehalten, sich teilweise sogar vom Publikum abgewandt und keine Fragen entgegengenommen. Heute ist sie einen Großteil des Jahres unterwegs, hält Vorträge in aller Welt, spricht flüssiger, sucht den Blickkontakt, baut gelegentlich humorvolle Bemerkungen ein und beantwortet Fragen souverän. Auch im privaten Bereich haben sich Veränderungen ergeben; sie kann inzwischen die Gesellschaft einiger weniger Freunde genießen. Dennoch bleibt echte Freundschaft – das Verständnis für die Eigenständigkeit und Innenwelt anderer Menschen – eine der größten Herausforderungen. Uta Frith beschreibt, dass Menschen mit Asperger-Syndrom zwar routinemäßige soziale Interaktionen bewältigen können, jedoch Schwierigkeiten haben, wechselseitige, intime Beziehungen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Peter Hobson berichtet von einem intelligenten autistischen Mann, der nicht begreifen konnte, was ein „Freund“ ist. Im Fall von Temple jedoch entstand bei Sacks der Eindruck, dass sie zumindest eine Annäherung an dieses Verständnis erreicht hat.

Nach fast zwei Stunden gemeinsamer Bewegung und Gespräch beendeten sie ihren Rundgang über die Farm und legten eine Pause ein. Temple schien erleichtert, das Gespräch vorübergehend zu unterbrechen; die intensive Selbstreflexion, zu der sie angeregt worden war, hatte eine spürbare Anspannung erzeugt – auch wenn sie selbst sich täglich in ähnlicher Weise mit ihrem eigenen Zustand auseinandersetzt, bemüht, Autismus in einer nicht-autistischen Welt zu verstehen und zu bewältigen. Das Bild von „Normalität“, das sich im Verlauf des Gesprächs herausgebildet hatte, erschien zunehmend als eine Art äußere Form, als eine bewusst gestaltete Oberfläche – eindrucksvoll und oft wirkungsvoll, doch nicht identisch mit ihrem inneren Erleben. In gewisser Weise blieb sie weiterhin außerhalb, nicht vollständig verbunden.

Auf der Rückfahrt bemerkte sie, dass sie sich stark mit der Figur des Data aus Star Trek identifiziere – einem Androiden, der trotz fehlender Emotionen ein ausgeprägtes Interesse daran hat, menschliches Verhalten zu verstehen. Data beobachtet Menschen genau, imitiert sie gelegentlich, bleibt jedoch zugleich ein Außenstehender, der sich danach sehnt, Teil der menschlichen Welt zu sein. Viele Menschen im Autismus-Spektrum, so zeigte sich, empfinden eine ähnliche Nähe zu dieser Figur oder auch zu ihrem Vorgänger Mr. Spock.

Dies zeigte sich bereits bei der Familie B., die Sacks in Kalifornien besucht hatte: Eltern und älterer Sohn mit Asperger-Syndrom, der jüngere mit klassischem Autismus. Beim ersten Betreten des Hauses wirkte alles so unauffällig, dass er an einen Irrtum dachte – nichts schien „autistisch“. Erst nach und nach fielen Details auf: ein viel benutztes Trampolin, auf dem die Familie gemeinsam sprang und mit den Armen flatterte; eine große Sammlung von Science-Fiction-Literatur; eigenartige Zeichnungen im Bad; und auffallend präzise, fast pedantische Anleitungen in der Küche zum Kochen, Decken und Abwaschen – Handlungen, die offenbar nach festen Schemata erfolgen mussten (später erfuhr er, dass es sich dabei um einen autistischen Scherz handelte).

Frau B. bezeichnete sich einmal als „an der Grenze zur Normalität“, erklärte jedoch zugleich, was dies bedeutete: Man kenne die Regeln des „Normalen“, überschreite diese Grenze aber nie wirklich. Man verhalte sich entsprechend, lerne die Regeln und halte sie ein – doch dahinter bleibe eine Distanz. Ihr Mann ergänzte, man lerne, menschliches Verhalten zu imitieren, ohne die dahinterliegenden Bedeutungen zu verstehen; man sehe die Oberfläche, nicht das, was sie trägt.

Die B.s hatten sich so eine Form von Normalität angeeignet, notwendig für Beruf, Alltag und Familie. Zugleich machten sie sich keine Illusionen über sich selbst. Sie erkannten ihren Autismus – und hatten einander bereits im Studium als ähnlich erlebt, mit einer Intensität, die ihre spätere Verbindung nahezu zwangsläufig machte. Frau B. beschrieb dies als ein Wiedererkennen „nach einer Million Jahren“. Trotz aller Schwierigkeiten verband sich damit auch ein gewisser Stolz auf ihre Andersartigkeit. Manche Autisten erleben diese Differenz so grundlegend, dass sie sich – halb im Scherz – als Angehörige einer anderen Spezies sehen. Autismus erscheint dann nicht nur als medizinische Kategorie, sondern als eigenständige Existenzweise, die ein Bewusstsein ihrer selbst verlangt.

Auch Temple vertritt eine ähnliche Haltung. Sie weiß – wenn auch eher intellektuell als unmittelbar –, was ihr im Leben fehlt, ist sich aber zugleich ihrer Stärken bewusst: Konzentration, gedankliche Intensität, Zielstrebigkeit, Ausdauer, gepaart mit einer Unfähigkeit zur Verstellung, einer radikalen Direktheit. Es liegt nahe anzunehmen, dass diese Eigenschaften untrennbar mit den Einschränkungen verbunden sind. Dennoch gibt es Momente, in denen sie ihre Andersartigkeit ausblenden möchte, um sich nicht als Außenstehende zu erleben.

Nach dem Vormittag bei den Rindern – und im Hinblick auf den geplanten Besuch eines Schlachthofs – entschieden sie sich gegen Fleisch und aßen ein einfaches mexikanisches Gericht. Anschließend flogen sie mit einer kleinen Maschine weiter und fuhren zum Betrieb. Temple hatte die Anlage selbst entworfen und wollte sie zeigen. Der Zugang war jedoch streng kontrolliert. Während sie über die nötige Ausrüstung und Ausweise verfügte, stellte Sacks ein Problem dar. Sie löste es pragmatisch: Sie setzte ihm einen gelben Schutzhelm auf und erklärte, er sehe damit aus wie ein Hygienetechniker – nun müsse er sich nur entsprechend verhalten. Diese improvisierte Täuschung widersprach dem gängigen Bild autistischer Menschen als unfähig zu Rollenspiel oder Verstellung.

Der Zutritt verlief problemlos. Temple fuhr mit selbstverständlicher Sicherheit durch das Tor, grüßte den Wachmann und wurde ohne Weiteres eingelassen. Auf dem Gelände wies sie ihn an, den Helm nicht abzunehmen. Sie betrachteten zunächst die Rinder im Außenbereich und folgten dann dem Weg, den die Tiere auf ihrem letzten Gang nehmen – eine ansteigende Rampe, die in das Gebäude führt. Temple bezeichnete sie als „die Treppe zum Himmel“. Diese Formulierung irritierte Sacks: Autistischen Menschen wird gewöhnlich ein fehlendes Verständnis für Metaphern zugeschrieben. Bei Temple blieb unklar, ob es sich um ein bewusstes Bild oder um eine wörtlich verstandene Redewendung handelte.

Eine ähnliche wörtliche Auffassung beschreibt sie selbst aus ihrer Kindheit. Als sie als Jugendliche eine Predigt hörte, in der von einer „Tür zum Himmel“ die Rede war, begann sie, diese Tür tatsächlich zu suchen – im Haus, im Stall, überall. Schließlich entdeckte sie eine kleine Tür auf dem Dach eines Gebäudes und erlebte dies als tief befreienden Moment, als habe sie tatsächlich den Zugang gefunden.

Später äußerte Temple die Überzeugung, dass es in irgendeiner Form ein Weiterbestehen nach dem Tod gebe – sei es auch nur als eine Art energetischer Spur im Universum. Ihre intensive Wahrnehmung tierischer Empfindungen ließ für sie keinen Zweifel daran, dass auch Tieren eine Form von Fortdauer zukommen müsse.

Sie gingen langsam neben der sanft ansteigenden, hoch umschlossenen Rampe entlang, auf der die Rinder einzeln, ohne erkennbare Unruhe, dem Betäubungsapparat entgegengingen. Temple Grandin gilt in der Branche als Pionierin solcher Anlagen, insbesondere der gebogenen Treibgänge. Während sie über den Steg gingen, erklärte sie deren Vorteile: Die Krümmung verhindere, dass die Tiere frühzeitig sehen, was sie am Ende erwartet, und nutze zugleich ihre natürliche Tendenz, sich im Kreis zu bewegen. Hohe Wände schirmten ablenkende Reize ab und hielten die Tiere ruhig in Bewegung.

Oben angekommen, wurden die Tiere nahezu unmerklich auf ein Förderband übernommen, das unter ihrem Körper verlief – eine weitere ihrer Entwicklungen. Sekunden später erfolgte die Tötung durch einen Bolzenschuss ins Gehirn. Ähnliche Systeme, so erläuterte sie, würden auch bei Schweinen eingesetzt, meist jedoch mit elektrischer Betäubung. Dabei merkte sie an, dass die technischen Parameter solcher Geräte denen von Elektroschockapparaten in der Psychiatrie ähneln – ein Detail, das sie selbst zunächst erschreckt habe.

Sacks empfand beim Anblick des Apparats Unbehagen, doch Temple betonte, dass die Tiere keine Vorstellung von dem hätten, was ihnen bevorstehe. Ihr Ziel sei es, jede Form von Angst oder Stress zu vermeiden, sodass die Tiere ruhig und ohne Bewusstsein für ihr Ende sterben. Dennoch blieb bei ihm ein Gefühl von Beklemmung – und die Frage, wie es sei, täglich unter solchen Bedingungen zu arbeiten.

Temple hatte sich intensiv damit beschäftigt und darüber veröffentlicht. Ein Teil der Beschäftigten entwickle rasch eine emotionale Abhärtung und führe die Tötungen mechanisch aus, ohne innere Beteiligung. Andere hingegen entwickelten eine problematische Haltung und begännen, Tiere bewusst zu quälen. Für Temple besteht hier eine Verbindung: Die Art, wie Tiere behandelt werden, stehe oft in engem Zusammenhang mit dem Umgang mit Menschen mit Behinderung. Regionen mit besonders harten Strafsystemen, so ihre Beobachtung, zeigten häufig auch Defizite im Tierschutz und im Umgang mit vulnerablen Gruppen. Daraus speist sich ihr Engagement für Reformen – sowohl in der Tierhaltung als auch im Umgang mit behinderten Menschen.

Der Aufenthalt im Schlachthof wurde für Sacks zunehmend belastend – der Geruch, die Atmosphäre, die allgegenwärtige Präsenz des Tötens. Das Verlassen des Gebäudes brachte unmittelbare Erleichterung. Temple betonte später, dass niemand dauerhaft mit solchen Tätigkeiten betraut sein sollte; Rotation sei notwendig, um psychische Verhärtung zu vermeiden. Auch sie selbst suche Ausgleich in anderen Tätigkeiten. Ihr Wissen über Verhalten und Wahrnehmung von Herdentieren werde weltweit nachgefragt – nicht nur in der Fleischindustrie, sondern auch in anderen Bereichen. Sacks fragte sich, ob sie ihre Fähigkeiten auch auf andere Tierarten übertragen könnte, etwa auf Primaten – oder ob diese ihr, wie Menschen, schwer zugänglich bleiben würden. Temple selbst unterschied hier klar: Das Verhalten von Nutztieren nehme sie unmittelbar wahr, während sie soziale Interaktionen bei Primaten eher intellektuell erschließe.

Ihre stärkste emotionale Bindung gilt den Rindern. Sie sprach ausführlich über die Bedeutung von Ruhe und kontrollierter Führung in den letzten Momenten eines Tieres – eine Praxis, die für sie zugleich physisch und in gewisser Weise bedeutsam ist. Diese Haltung versuche sie auch in der Ausbildung von Personal zu vermitteln. Sie erzählte von einem Betriebsleiter, der zunächst skeptisch gewesen sei, ihre Fähigkeiten zur Beruhigung von Tieren jedoch heimlich beobachtet habe. Diese Szene kehrte in ihrer Erinnerung immer wieder zurück – sie schilderte sie mehrfach, nahezu wortgleich.

Sacks fiel dabei die besondere Qualität ihres Erinnerns auf: eine außergewöhnliche Detailtreue, verbunden mit einer starken Unveränderlichkeit. Die Erinnerung wirkte weniger wie ein erzähltes Erlebnis als wie eine wieder abgespielte Aufzeichnung. Temple selbst beschreibt ihr Gedächtnis als eine Art visuelles Archiv: Sie könne Szenen jederzeit abrufen, müsse sie dann jedoch vollständig „abspielen“. Ein isolierter Zugriff auf einzelne Aspekte sei nicht möglich.

Diese Form des Denkens entspricht ihrer Arbeitsweise. Komplexe Anlagen entwirft sie zunächst vollständig im Kopf, indem sie alle Elemente visuell kombiniert und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Anschließend führt sie gedankliche „Simulationen“ durch, überprüft Abläufe, identifiziert Probleme und passt die Konstruktion so lange an, bis sie funktioniert. Erst danach wird der Entwurf gezeichnet; dieser Schritt ist für sie rein mechanisch.

Weniger geeignet ist dieses visuelle Verfahren für abstrakte oder sprachliche Inhalte. Um etwa ein Sprichwort zu verstehen, muss sie zunächst ein konkretes Bild entwickeln – erst danach erschließt sich die Bedeutung. Ebenso konnte sie religiöse Formeln erst begreifen, nachdem sie diese in visuelle Vorstellungen übersetzt hatte.

In ihrer Autobiografie und in einem früheren Fachartikel beschreibt Temple Grandin ein typisches kognitives Profil: sehr hohe Leistungen bei räumlichen und visuellen Aufgaben, deutliche Schwierigkeiten bei abstrakten und sequenziellen Anforderungen. Solche ausgeprägten Unterschiede sind bei vielen autistischen Menschen zu beobachten. In ihrem Fall waren Testergebnisse teilweise irreführend, weil sie Aufgaben nicht auf die erwartete Weise löste, sondern visuell transformierte: Sätze, Gedichte oder Zahlenfolgen wurden sofort zu inneren Bildern, die sie speicherte; auch komplexe Rechnungen wurden erst lösbar, wenn sie in visuelle Strukturen übersetzt wurden.

Visuelles Denken ist an sich nichts Ungewöhnliches. Temple betont, dass sie auch bei nicht-autistischen Ingenieuren und Designern ähnliche Fähigkeiten beobachtet – Menschen, die Entwürfe im Kopf entwickeln und in gedanklichen Simulationen überprüfen. Mit solchen Personen versteht sie sich oft besonders gut, etwa mit ihrem Kollegen Tom. Beide teilen eine ausgeprägte visuelle Vorstellungskraft und eine gewisse Unkonventionalität. Ihre Zusammenarbeit beschreibt sie selbst in spielerischen Bildern: Bauen sei „erwachsenes Spielen“, Beton „erwachsener Schlamm“, Stahl „erwachsener Karton“. In dieser Verbindung von Kreativität und kindlichem Zugang sah Sacks eine positive Entwicklung – ebenso wie in ihrer Beziehung zu Tom.

Die Frage nach persönlicher Nähe führte jedoch in einen anderen Bereich. Temple erklärte, dass sie weder Beziehungen noch Verliebtheit erlebt habe. Solche Situationen seien für sie schwer verständlich, da sie die impliziten Bedeutungen und Erwartungen nicht erfassen könne. Auch dies sei unter autistischen Menschen nicht ungewöhnlich: sexuelles Empfinden könne vorhanden sein, ohne dass daraus tatsächliche Beziehungen entstehen. Auf die Frage nach Liebe antwortete sie zögernd; sie verbinde damit eher Fürsorge und Sanftheit als leidenschaftliche Gefühle. Momente emotionaler Intensität habe sie eher im Umgang mit Tieren erlebt, etwa beim Berühren von Rindern – eine Erfahrung, die sie kurzzeitig als mögliches Analogon zu Liebe deutete.

Eine ähnliche Zurückhaltung zeigt sich auch in anderen emotionalen Bereichen. Musik etwa nimmt sie präzise wahr – sie verfügt über absolutes Gehör und ein ausgezeichnetes Gedächtnis –, bleibt für sie jedoch weitgehend bedeutungslos. Sie beschreibt sie als „schön“, ohne dass sie tiefere Empfindungen auslöst; oft entstehen lediglich konkrete Assoziationen zu Bildern. Auch visuelle Eindrücke kann sie exakt beschreiben, ohne dass sie starke subjektive Reaktionen hervorrufen. Ihre eigene Erklärung ist nüchtern: Die Verbindung zwischen Wahrnehmung und emotionaler Verarbeitung sei bei ihr unzureichend.

Daraus leitet sie auch eine ungewöhnliche These ab: Sie verfüge über kein Unbewusstes im klassischen Sinn, da sie keine Inhalte verdränge. In ihrem Gedächtnis gebe es keine „verschlossenen Bereiche“, keine blockierten Erinnerungen. Während andere Menschen bestimmte Erfahrungen nicht ertragen könnten und daher unzugänglich machten, sei bei ihr alles prinzipiell verfügbar. Sie erklärt dies neurobiologisch: Die emotionale Aktivierung sei nicht stark genug, um Erinnerungen zu „versiegeln“.

Diese Aussage irritierte Sacks, da Verdrängung gemeinhin als universelles psychisches Phänomen gilt. Zugleich erschienen ihm Beispiele denkbar, in denen solche Mechanismen fehlen oder aufgehoben sind. Er erinnerte sich etwa an den von A. R. Luria beschriebenen „Mnemonisten“, dessen außergewöhnlich lebendige Erinnerungen selbst belastende Inhalte unlöschbar machten. Auch aus der eigenen Praxis kannte er Fälle, in denen Hirnschädigungen zuvor verdrängte Erinnerungen wieder freilegten.

Ein weiterer Patient, ein Ingenieur mit massiver frontaler Hirnschädigung, konnte weiterhin komplexe wissenschaftliche Texte verstehen, empfand jedoch keinerlei Staunen oder emotionale Resonanz mehr – ein Verlust, der seine frühere Begeisterung für Wissenschaft untergrub. Ähnlich erging es einem Richter, der nach einer Verletzung seiner Frontallappen vollständig emotionslos wurde. Anstatt dies als Vorteil für seine Unparteilichkeit zu sehen, trat er von seinem Amt zurück, da er sich außerstande fühlte, die Beweggründe anderer Menschen noch nachzuvollziehen. Für ihn gehörte zum Urteilen untrennbar auch ein emotionales Verständnis – und dieses war ihm verloren gegangen.

Solche Fälle zeigen, wie tiefgreifend die affektive Grundlage des Lebens durch neurologische Schädigungen beeinträchtigt werden kann. Die Störungen im Autismus sind jedoch anders gelagert: Es handelt sich keineswegs um eine allgemeine Gefühlsverflachung. Autistische Menschen können starke Leidenschaften, intensive Fixierungen oder – wie Temple – eine ausgeprägte Zuwendung in bestimmten Bereichen entwickeln. Die Einschränkung betrifft vor allem komplexe menschliche Erfahrungen, insbesondere soziale, aber auch ästhetische oder symbolische. Gerade Temple macht diese Differenz besonders deutlich.

Sowohl in ihrer Selbstreflexion als auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit sucht sie fortwährend nach Modellen, um ihren eigenen Zustand zu verstehen. Sie beschreibt ihr Denken häufig in mechanischen Begriffen, vergleicht es mit einem Computer, dessen Prozesse parallel ablaufen, und versteht Gedächtnis als eine Art Dateisystem. Ihr fehle, so ihre Vermutung, ein Teil jener subjektiven Innerlichkeit, die andere Menschen besitzen. Ihre Gedanken erscheinen ihr als konkrete, visuelle Einheiten, die sie kombiniert und neu anordnet. Sie nimmt an, dass bei ihr – und oft auch bei anderen Autisten – visuelle und simultan verarbeitende Gehirnleistungen stark ausgeprägt sind, während sprachliche und sequenzielle Funktionen schwächer entwickelt bleiben. Gleichzeitig beschreibt sie eine besondere „Haftung“ der Aufmerksamkeit: große Ausdauer, aber geringe Flexibilität. Als mögliche Ursache nennt sie eine Unterentwicklung des Kleinhirns, wie sie in bildgebenden Verfahren sichtbar geworden sei – eine These, über deren Bedeutung in der Forschung jedoch keine Einigkeit besteht.

Auch genetische Faktoren hält sie für wahrscheinlich. Sie vermutet bei ihrem eigenen Vater autistische Züge und sieht solche Merkmale häufiger im familiären Umfeld. Während sie Umweltbedingungen – sowohl bei Tieren als auch bei Menschen – für bedeutsam hält, lehnt sie die Vorstellung ab, dass elterliches Verhalten Autismus verursacht. Vielmehr erschwere der Autismus selbst den Aufbau von Beziehung, wodurch wichtige sensorische und soziale Erfahrungen eingeschränkt bleiben.

Ihre Überlegungen bewegen sich weitgehend im Rahmen bestehender wissenschaftlicher Ansätze, wobei sie dem Thema körperlicher Nähe und tiefem Druck besonderes Gewicht gibt. Zugleich kritisiert sie, dass die positiven Aspekte des Autismus zu wenig beachtet werden. Defiziten in einzelnen Bereichen stünden oft außergewöhnlich entwickelte Fähigkeiten in anderen gegenüber – besonders ausgeprägt bei sogenannten Savants, aber in unterschiedlicher Form bei vielen Autisten. Unter geeigneten Bedingungen könnten diese Fähigkeiten gesellschaftlich wertvoll sein.

Diese Sichtweise führt sie zu einem eher modularen Verständnis des Gehirns, das aus verschiedenen, relativ unabhängigen Funktionsbereichen besteht – vergleichbar mit den von Howard Gardner beschriebenen „multiplen Intelligenzen“. Während visuelle, logische oder musikalische Fähigkeiten stark ausgeprägt sein können, bleiben die sogenannten „personalen Intelligenzen“ – das Verständnis eigener und fremder mentaler Zustände – deutlich zurück.

Temple bewegt sich dabei zwischen zwei Impulsen: dem Wunsch nach einer einheitlichen Theorie des Autismus und der Erfahrung seiner tatsächlichen Vielfalt und Unvorhersagbarkeit. Ihre eigenen täglichen Erfahrungen – etwa extreme Schwankungen in der sensorischen Reaktion – lassen sich nicht vollständig durch bestehende Modelle wie die „Theory of Mind“ erklären. Auch frühe Verhaltensweisen, die bereits im Säuglingsalter auftreten, bleiben damit schwer verständlich. Dennoch fühlt sie sich von verschiedenen theoretischen Ansätzen angezogen – kognitiven, affektiven und neuropsychologischen –, die möglicherweise unterschiedliche Aspekte desselben Phänomens beleuchten.

Die naturwissenschaftliche Forschung zu Autismus erscheint ihr bislang fragmentarisch. Sie hält jedoch an der Vorstellung gestörter „Emotions-“ oder „Empathieschaltkreise“ fest, die normalerweise ältere, emotionale Hirnstrukturen mit den evolutionär jüngeren Bereichen des präfrontalen Cortex verbinden. Solche Verbindungen könnten Voraussetzung für ein reflektiertes Selbst- und Fremdverständnis sein – genau jene Fähigkeit, die im Autismus eingeschränkt ist.

In einem Vortrag formulierte sie abschließend, dass sie ihren Autismus nicht ablegen würde, selbst wenn dies möglich wäre – er sei Teil ihrer Identität. Aus diesem Grund begegnet sie auch der Idee, Autismus genetisch zu „eliminieren“, mit Skepsis. Die entsprechenden genetischen Anlagen könnten zugleich mit Kreativität und außergewöhnlichen Fähigkeiten verbunden sein. Eine vollständige Eliminierung, so ihre zugespitzte Bemerkung, könnte eine Welt hervorbringen, der gerade diese besonderen Eigenschaften fehlen.

Temple erschien am Sonntagmorgen pünktlich um acht Uhr am Hotel und brachte weitere eigene Texte mit. Der Eindruck verstärkte sich, dass ihr gesamtes Leben von Arbeit durchdrungen war – kaum Freizeit, kaum Leerlauf. Auch das gemeinsame Wochenende verstand sie nicht als soziale Begegnung, sondern als klar begrenztes Arbeitsprojekt: eine konzentrierte Untersuchung ihres eigenen Lebens. So wie sie sich selbst gelegentlich als „Anthropologin auf dem Mars“ sah, konnte sie Sacks als einen Beobachter ihres Autismus betrachten. Die Begegnung folgte daher denselben Prinzipien wie ihre übrige Arbeit – präzise, zielgerichtet, ohne Rücksicht auf konventionelle Formen von Geselligkeit. Selbst das Zeigen ihres Schlafzimmers oder der Squeeze-Maschine erschien ihr als notwendiger Teil dieser Untersuchung.

Da sie wusste, dass er andere Kontexte sehen wollte, schlug sie einen Ausflug in die Rocky Mountains vor – nicht aus eigenem Bedürfnis, sondern als weitere Beobachtungsgelegenheit. Gemeinsam fuhren sie in ihrem Geländewagen in Richtung Nationalpark. Die Strecke führte über enge Serpentinen, vorbei an steilen Felswänden, tiefen Schluchten und dichten Wäldern. Sacks reagierte begeistert auf die Landschaft, während Temple sie eher registrierte als erlebte.

Auf einem Hochplateau hielten sie an und blickten auf die schneebedeckten Gipfel. Auf die Frage nach dem Gefühl des Erhabenen reagierte sie zögernd. Die Berge seien „schön“, sagte sie, doch Begriffe wie „sublim“ oder „ehrfurchtgebietend“ blieben für sie unklar, selbst nach intensiver begrifflicher Klärung. Auch Sonnenuntergänge oder Naturbilder empfand sie als ästhetisch, ohne dass sich daraus ein tieferes Gefühl ergab. Sie nahm wahr, dass andere darin Freude oder Ergriffenheit erlebten – ein Erleben, das ihr selbst verschlossen blieb. Ähnliches hatte sie bereits zuvor geäußert: Sie könne die Bedeutung solcher Erfahrungen verstehen, aber nicht fühlen.

Auch in Bezug auf existenzielle Fragen blieb ihre Haltung vorwiegend intellektuell. Sie sprach über Ursprung und Struktur des Universums, über Endlichkeit und Ordnung, doch diese Überlegungen schienen eher gedanklicher Natur zu sein als emotional getragen. Sacks fragte sich, ob hinter diesen großen Begriffen eine entsprechende Erfahrung stand – oder ob sie vor allem abstrakte Konstruktionen blieben.

Auf dem Rückweg hielten sie kurz für einen Spaziergang. Temple kannte Pflanzen, Vögel und geologische Strukturen genau, auch wenn sie selbst sagte, keine besondere emotionale Beziehung dazu zu haben. Später kam es zu einer gefährlichen Situation: Sacks wollte spontan in einem scheinbar ruhigen Gewässer schwimmen, bemerkte jedoch erst durch Temples Warnung, dass es sich um die Zuflusszone eines Staudamms handelte. Sie hatte die Gefahr sofort erkannt und ihn gestoppt.

Während der Weiterfahrt sprachen sie über kreative Leistungen im Autismus – über Musiker, Zeichner, mögliche Schriftsteller oder Denker. Die Frage, ob autistische Menschen zu großer künstlerischer Gestaltung fähig seien, blieb offen; Einschätzungen hierzu gehen auseinander. Temple selbst zeigte gelegentlich eine spielerische, leicht subversive Seite – kleine Regelüberschreitungen, die sie als harmlose Formen von Eigenständigkeit verstand. Zugleich war sie überzeugt, dass schwerwiegende Verfehlungen unmittelbare Konsequenzen hätten. In ihrer Vorstellung verband sich moralisches Handeln mit einer Art kosmischer Ordnung, die selbst technische Störungen hervorrufen könne.

Diese Verbindung von naturwissenschaftlichem Denken und moralischer Vorstellung äußerte sich auch in ihrer religiösen Haltung. Sie hatte sich früh von traditionellen Glaubensformen entfernt und sprach stattdessen von einer ordnenden Kraft im Universum. Ein persönliches Weiterleben nach dem Tod hielt sie für unsicher, doch sie hoffte, dass zumindest Spuren – Gedanken, Arbeit – bestehen bleiben.

Kurz vor der Ankunft wurde sie von dieser Frage stark bewegt. Sie sprach davon, dass sie etwas hinterlassen wolle – nicht Macht oder Reichtum, sondern eine sinnvolle Spur ihres Lebens. Ihre Worte gewannen an Dringlichkeit, ihre Stimme brach, und sie begann zu weinen.

Sacks war von diesem Moment überrascht. Beim Abschied umarmte er sie – eine Geste, die sie erwiderte.

Eigenständige Nacherzählung nach Oliver Sacks („An Anthropologist on Mars“, 1993).

Quelle

 

Oliver Sacks (1933–2015) war ein britischer Neurologe und Schriftsteller, der zu einer der markantesten Stimmen der modernen Medizin wurde. Geboren in London, studierte er in Oxford, bevor er in die Vereinigten Staaten ging, wo er den größten Teil seines Berufslebens verbrachte. Seine klinische Arbeit in der Neurologie – insbesondere mit Patienten, die an seltenen und schweren Störungen litten – bildete die Grundlage seines literarischen Zugangs.

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