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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Zlatko
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Zlatko
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Materialien – Grundlagen

Hans Asperger – Teil 1

Hans Asperger, Nationalsozialismus und „Rassenhygiene“ im Wien der Nazizeit

Hintergrund

Inhalt

Hans Asperger gilt international als einer der Pioniere der Autismusforschung und als Namensgeber des sogenannten Asperger-Syndroms. Trotz dieser Bekanntheit ist über sein Leben und seine Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus erstaunlich wenig gesichertes Wissen vorhanden. Gerade dieser Umstand wirft Fragen auf, denn Asperger machte seine Karriere in einem politischen Umfeld, das von nationalsozialistischer Ideologie geprägt war.

Die bisherigen Darstellungen zeichnen meist ein entlastendes Bild. Häufig wird angenommen, Asperger habe sich dem Regime innerlich distanziert gegenüber verhalten oder sogar aktiv schützend vor seine Patienten gestellt. Diese Einschätzungen stützen sich jedoch in der Regel auf eine sehr begrenzte Quellenbasis: einzelne Passagen aus seinen Veröffentlichungen während der NS-Zeit sowie spätere Aussagen von ihm selbst oder aus seinem Umfeld. Eine systematische Überprüfung anhand breiterer archivalischer Grundlagen hat bislang weitgehend gefehlt.

Die hier zugrunde gelegte Untersuchung verfolgt daher das Ziel, Aspergers Lebensweg und berufliche Entwicklung im Nationalsozialismus auf eine deutlich umfassendere Quellenbasis zu stellen. Dabei zeigt sich ein wesentlich komplexeres Bild. Asperger gelang es, seine Karriere unter den Bedingungen des Regimes voranzutreiben, obwohl er ihm offenbar nicht vollständig ideologisch verpflichtet war. Diese Entwicklung wurde auch durch politische Umbrüche begünstigt, insbesondere durch den „Anschluss“ Österreichs 1938 und die damit verbundene systematische Verdrängung jüdischer Ärzte aus dem Berufsleben.

Gleichzeitig wird deutlich, dass dieser berufliche Aufstieg nicht ohne Anpassung möglich war. Asperger machte Zugeständnisse an zentrale Elemente der nationalsozialistischen Ideologie und war in Strukturen eingebunden, die mit der sogenannten „Rassenhygiene“ verbunden waren, einschließlich des Kinder-„Euthanasie“-Programms.

Neue Einsichten ergeben sich vor allem aus der Auswertung von Patientenakten aus den Jahren 1928 bis 1944, die lange Zeit als verloren galten. Diese Dokumente erlauben es, die Situation von Aspergers Patienten während der NS-Zeit genauer nachzuzeichnen und konkrete Entscheidungen in ihrem historischen Kontext zu verstehen.

Ein Blick auf die bisherige Forschung zeigt, wie stark das Bild von Aspergers Rolle durch selektive Wahrnehmung geprägt war. Frühere Darstellungen verzichteten oft ganz auf eine Einordnung in den historischen Kontext oder betonten vor allem seine Fürsorge für die betreuten Kinder. Daraus entwickelte sich die verbreitete Vorstellung, er habe sich unter schwierigen Bedingungen für seine Patienten eingesetzt und sie vor den Maßnahmen des Regimes geschützt.

Erst spätere Arbeiten begannen, dieses Bild vorsichtig zu hinterfragen. Dabei wurden bislang wenig beachtete Verbindungen sichtbar – etwa institutionelle Überschneidungen mit Einrichtungen, die direkt in das nationalsozialistische „Euthanasie“-System eingebunden waren, sowie persönliche und fachliche Beziehungen zu Akteuren innerhalb dieses Systems.

Dennoch hielt sich insbesondere im englischsprachigen Raum lange Zeit die Vorstellung von Asperger als einer Art Schutzfigur für betroffene Kinder. Teilweise wurde sogar angenommen, er habe bewusst strategisch gehandelt, um seine Patienten vor Verfolgung zu bewahren. Diese Deutungen beruhen jedoch meist auf indirekten Annahmen oder selektiver Interpretation einzelner Aussagen.

In jüngerer Zeit zeichnet sich eine Verschiebung ab. Neu erschlossene Quellen und detailliertere Analysen haben begonnen, die bislang dominierende Erzählung zu relativieren und ein widersprüchlicheres Bild zu zeichnen.

Die Frage nach Aspergers Verhältnis zum Nationalsozialismus ist damit seit längerem präsent, wurde jedoch entweder nicht konsequent gestellt oder auf einer unzureichenden Grundlage beantwortet. Ziel der folgenden Untersuchung ist es daher, auf Basis einer breiteren und teilweise erstmals ausgewerteten Quellenlage ein differenzierteres Verständnis seiner Rolle zu entwickeln – sowohl im Hinblick auf seine persönliche Position als auch auf den historischen Kontext, in dem die frühe Autismusforschung entstand.


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Methode und Ergebnisse

Die vorliegende Untersuchung stützt sich auf eine qualitative Auswertung zahlreicher Dokumente zu Leben, Arbeit und politischer Orientierung Hans Aspergers. Die Quellen stammen überwiegend aus österreichischen Archiven und umfassen unter anderem Personalakten, politische Einschätzungen durch NS-Behörden sowie medizinische Fallakten aus verschiedenen Einrichtungen – insbesondere aus der Heilpädagogischen Station der Wiener Kinderklinik und der Kinderanstalt „Am Spiegelgrund“.

Entgegen früheren Annahmen sind diese Unterlagen nicht im Krieg verloren gegangen. Ein großer Teil der Akten ist erhalten geblieben und wird heute in den Wiener Archiven aufbewahrt. Für die Jahre 1938 bis 1944 existieren über tausend dokumentierte Fälle. Diese Materialien werden hier erstmals systematisch ausgewertet. Sie erlauben einen direkten Einblick in die Praxis der Diagnostik und in die konkreten Entscheidungen über das Schicksal der behandelten Kinder, auch wenn Lücken im Bestand nicht ausgeschlossen werden können.

Aspergers beruflicher Aufstieg bis 1938

Die Heilpädagogische Station der Wiener Universitäts-Kinderklinik wurde 1911 gegründet und entwickelte sich rasch zu einer international beachteten Einrichtung. Ihr Ansatz stand in enger Verbindung zur Psychiatrie, konzentrierte sich jedoch weniger auf klassische Krankheitsbilder als auf Formen von „Auffälligkeit“ und „Ungleichgewicht“. Die große Mehrheit der Kinder wurde ambulant untersucht; nur besonders schwierige Fälle wurden stationär aufgenommen. Die Zuweisungen erfolgten häufig über Fürsorgeeinrichtungen, Polizei oder Gerichte.

Asperger trat 1931 in die Klinik ein und begann kurz darauf seine Tätigkeit an der Heilpädagogischen Station. Bereits 1935 übernahm er deren Leitung – ein bemerkenswerter Aufstieg, da er weder eine abgeschlossene fachärztliche Ausbildung noch eine umfangreiche wissenschaftliche Tätigkeit in diesem Bereich vorweisen konnte. Auffällig ist zudem, dass erfahrenere und qualifiziertere Kollegen nicht berücksichtigt wurden, darunter auch Mitarbeiter, die später emigrierten.

Diese Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit den politischen und sozialen Verhältnissen der Zeit. Universitäten waren von starkem Antisemitismus geprägt, und jüdische Ärzte wurden zunehmend aus akademischen Positionen verdrängt. Auch Frauen sahen sich wachsendem Druck ausgesetzt, aus dem Berufsleben auszuscheiden. Die Kinderklinik selbst entwickelte sich bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme zu einem Zentrum entsprechender Tendenzen.

Nach dem Tod ihres früheren Leiters kam es zu tiefgreifenden personellen Veränderungen. Viele Mitarbeiter wurden ersetzt, häufig zugunsten politisch verlässlicher Kandidaten. Zahlreiche der später führenden Ärzte der Klinik wurden nach 1945 aufgrund ihrer NS-Zugehörigkeit entlassen. Asperger bildete hier eine Ausnahme, obwohl er in engem beruflichen Kontakt mit überzeugten Nationalsozialisten stand.

Zu diesen Kontakten gehörten Personen, die später zentrale Rollen im nationalsozialistischen Medizinbetrieb einnahmen, darunter auch Akteure, die unmittelbar in Gewaltverbrechen involviert waren. Asperger bewegte sich somit von Beginn seiner Laufbahn an in einem Umfeld, das politisch klar geprägt war.

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Sein beruflicher Aufstieg wurde wesentlich durch die damaligen Machtverhältnisse begünstigt. Die systematische Verdrängung jüdischer Kollegen sowie strukturelle Diskriminierung eröffneten ihm Möglichkeiten, die unter anderen Umständen kaum denkbar gewesen wären. Obwohl er selbst nicht Mitglied der NSDAP war, teilte er bestimmte ideologische Grundannahmen seines Umfelds, was ihm eine reibungslose Integration in die bestehenden Strukturen ermöglichte.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 verschärften sich diese Entwicklungen drastisch. Ein Großteil der Wiener Ärzteschaft wurde nach rassistischen Kriterien ausgeschlossen, wodurch sich die beruflichen Perspektiven für verbleibende Ärzte erheblich verbesserten. Asperger konnte sich in diesem Umfeld weiter etablieren und profitierte von der Neuordnung des Systems.

Politische Prägung

Um Aspergers Verhalten nach 1938 zu verstehen, ist ein Blick auf seine frühe politische Sozialisation notwendig. Seine Prägung erfolgte in einer Zeit, in der unterschiedliche politische Orientierungen nebeneinander existierten und gewählt werden konnten.

Eine zentrale Rolle spielte dabei seine Mitgliedschaft in einer katholisch geprägten Jugendbewegung, die aus dem Umfeld der völkisch-national orientierten Jugendkultur hervorging. Diese Milieus waren bereits vor dem Nationalsozialismus von starkem nationalen Denken und verbreiteten Formen von Ausgrenzung geprägt.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Asperger nach 1938 genügend ideologische Schnittmengen mit dem Nationalsozialismus aufwies, um vom Regime als verlässlicher Mitläufer akzeptiert zu werden – ohne sich offen und vollständig mit dessen Ideologie identifizieren zu müssen.

Politische Einbindung und ideologisches Umfeld

Der Bund Neuland, dem Asperger angehörte, entstand Anfang der 1920er Jahre aus einem katholisch geprägten Milieu, verband sich jedoch zugleich eng mit der völkisch-national orientierten Jugendbewegung. Er verstand sich als christlich, deutsch-national und ausdrücklich gegen alles gerichtet, was als liberal, marxistisch oder modern galt – einschließlich der parlamentarischen Demokratie. Trotz einzelner sozialer Reformansätze bewegte sich der Bund in seinen Grundhaltungen in unmittelbarer Nähe zu autoritären und faschistischen Strömungen der Zeit.

Antisemitische Positionen waren dabei keineswegs randständig. Schon in den frühen Jahren wurde der Einfluss jüdischer Bevölkerungsteile als problematisch dargestellt, später wurden Maßnahmen gegen Juden im nationalsozialistischen Deutschland offen begrüßt und gerechtfertigt. Auch innerhalb Österreichs richtete sich die publizistische Tätigkeit des Bundes gegen eine vermeintlich „jüdische“ Öffentlichkeit und warnte vor gesellschaftlicher und kultureller „Vermischung“.

Das Verhältnis zum Nationalsozialismus war dennoch nicht völlig eindeutig. Einerseits teilte der Bund zentrale ideologische Elemente mit der NS-Bewegung – insbesondere die Ablehnung der Demokratie, die Betonung eines ethnisch verstandenen „Volkes“ und die Kritik an moderner Kultur. Andererseits blieb der katholische Bezugspunkt entscheidend, weshalb die NSDAP zunächst mit einem gewissen Misstrauen betrachtet wurde. Unterstützung wurde vor allem dort in Aussicht gestellt, wo sich politische Ziele mit eigenen Vorstellungen vereinbaren ließen.

In der Praxis führte dies zu einer zunehmenden Annäherung. Teile des Bundes wurden in den 1930er Jahren von nationalsozialistischen Gruppen durchdrungen, und führende Vertreter standen in direktem Kontakt mit NS-Strukturen. Insgesamt entwickelte sich der Bund zu einer wichtigen ideologischen Brücke zwischen katholischen Milieus und dem Nationalsozialismus in Österreich.

Innerhalb dieser Bewegung gehörte Asperger einem Kreis an, der besonders stark völkisch und rechts orientiert war. Seine Zugehörigkeit zu entsprechenden Netzwerken verband ihn mit einflussreichen Persönlichkeiten, die eine klare Nähe zu nationalistischen und autoritären Denkweisen vertraten.

Nach 1938 zeigte sich, dass diese Prägung eine Anpassung erleichterte. Während jüngere Mitglieder teilweise in den Widerstand gingen, suchte die ältere Generation – zu der Asperger gehörte – überwiegend die Integration in die neuen Machtverhältnisse. Auch Asperger schloss sich mehreren Organisationen an, die dem nationalsozialistischen System nahestanden, ohne jedoch der NSDAP selbst beizutreten.

Neben dem Bund war Asperger auch in weiteren Zusammenschlüssen aktiv, die eine ähnliche ideologische Ausrichtung erkennen lassen. Dazu gehörten ärztliche Vereinigungen mit klar deutsch-nationaler Orientierung, die jüdische Kollegen ausschlossen, sowie Organisationen, die auf die Stärkung deutscher kultureller Einflüsse abzielten. Solche Zugehörigkeiten spiegeln ein Umfeld wider, in dem antisemitische und nationalistische Positionen weit verbreitet waren, insbesondere innerhalb der medizinischen Fachwelt in Wien.

Gleichzeitig lässt sich keine eindeutige, frühe Identifikation Aspergers mit dem Nationalsozialismus nachweisen. Seine Haltung erscheint vielmehr ambivalent. Religiöse Überzeugungen, ein humanistischer Bildungshintergrund und persönliche Dispositionen standen einer vorbehaltlosen Zustimmung entgegen. Dennoch zeigen seine Netzwerke und institutionellen Bindungen, dass es erhebliche ideologische Überschneidungen gab.

Diese Konstellation erklärt, warum Asperger nach 1938 vom Regime als anschlussfähig wahrgenommen wurde. Seine politische Sozialisation hatte ihn mit Denkweisen vertraut gemacht, die zentrale Elemente der nationalsozialistischen Ideologie berührten, ohne dass er sich ihr vollständig verschrieben hätte. In dieser Mischung aus Distanz und Nähe lag die Voraussetzung dafür, sich im neuen System zu behaupten.

Politische Haltung und Anpassung nach 1938

Im Österreich der Nachkriegszeit wurde der Begriff „national“ in der Regel als Chiffre für großdeutsches Denken verwendet und diente häufig dazu, eine direkte Nähe zum Nationalsozialismus zu vermeiden. Wenn Asperger sich rückblickend von den „Unmenschlichkeiten“ des Regimes distanzierte, bedeutete dies daher nicht zwangsläufig eine Abkehr von den politischen Grundannahmen, die zur Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich und letztlich zum Krieg beigetragen hatten.

Diese Ambivalenz zeigt sich bereits in früheren Äußerungen. In einer Tagebuchnotiz aus den 1930er Jahren beschreibt Asperger seine Eindrücke aus dem nationalsozialistischen Deutschland mit einer Mischung aus Distanz und Faszination: einerseits kritisch gegenüber der ideologischen Verengung, andererseits beeindruckt von Disziplin, Geschlossenheit und Energie der Bewegung.

Nach dem „Anschluss“ 1938 setzte sich die Deutung durch, Asperger habe dem Regime entweder widerstanden oder zumindest unter erheblichem Risiko Abstand gehalten. Diese Vorstellung stützt sich vor allem auf spätere Aussagen und Interpretationen, ist jedoch problematisch. Die Annahme, seine katholische Prägung habe eine Nähe zum Nationalsozialismus ausgeschlossen, greift zu kurz, da gerade in diesem Milieu ideologische Überschneidungen bestanden.

Besonders zentral für das Bild eines widerständigen Asperger ist die Behauptung, er sei von der Gestapo verfolgt worden, weil er sich geweigert habe, bestimmte Patienten zu melden. Diese Darstellung geht ausschließlich auf Asperger selbst zurück und wurde erst Jahrzehnte nach den Ereignissen öffentlich gemacht. Konkrete Belege dafür fehlen.

Zwar ist belegt, dass Ärzte im nationalsozialistischen System zunehmend verpflichtet waren, Patienten an staatliche Stellen zu melden, insbesondere im Zusammenhang mit Zwangssterilisationen und der sogenannten Kinder-„Euthanasie“. Es lässt sich jedoch nicht eindeutig klären, in welchem Umfang Asperger sich solchen Meldungen entzog. Sicher ist hingegen, dass er in mehreren Fällen Kinder selbst an Einrichtungen überwies, die Teil dieses Systems waren.

Auch andere Befunde sprechen gegen das Bild eines verfolgten Gegners des Regimes. Asperger äußerte sich wiederholt zustimmend zu Maßnahmen der Rassenhygiene, und die nationalsozialistischen Behörden betrachteten ihn als politisch unproblematisch. Interne Einschätzungen bescheinigten ihm, dass gegen seine Person keine Einwände bestünden und er sich im Einklang mit den geltenden rassenpolitischen und sterilisationstechnischen Vorgaben bewegte.

Unmittelbar nach 1938 wurde zwar geprüft, ob Asperger als politisch unerwünscht einzustufen sei, doch das Verfahren wurde bald eingestellt. Entscheidend war offenbar die Einschätzung, dass er sich in das System einfügte und keine oppositionelle Haltung erkennen ließ. Seine katholische Orientierung wurde registriert, aber nicht als Hindernis gewertet.

Vor diesem Hintergrund erscheint die spätere Darstellung, er sei von der Gestapo bedroht oder sogar verfolgt worden, wenig plausibel. Wahrscheinlicher ist, dass seine Position innerhalb des Systems durch Fürsprecher abgesichert wurde, die seine Bereitschaft zur Anpassung bestätigten. Tatsächlich ist dies der einzige dokumentierte Fall, in dem seine politische Zuverlässigkeit überprüft wurde – und er endete ohne negative Konsequenzen.

Insgesamt ergibt sich ein konsistentes Bild: Asperger war kein offener Nationalsozialist, bewegte sich jedoch innerhalb eines Rahmens, der ihn für das Regime anschlussfähig machte. Die vorhandenen Quellen sprechen nicht für eine Haltung des Widerstands, sondern für eine weitgehende Anpassung an die politischen und ideologischen Bedingungen der Zeit.

Handlungsspielräume und Anpassungsstrategien

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle Asperger in einzelnen konkreten Situationen spielte – insbesondere dort, wo tatsächlicher Widerstand nachweisbar ist. Ein bemerkenswerter Fall betrifft einen Kollegen aus der Kinderklinik, der während des Krieges einen jüdischen Jugendlichen versteckte und ihm so das Überleben ermöglichte. Der Junge lebte über Jahre hinweg unter relativ offenen Bedingungen und wurde von einem größeren Kreis von Personen unterstützt.

Zeitgenössische Berichte sprechen davon, dass mehrere Mitarbeiter der Heilpädagogischen Station von dieser Situation wussten und Hilfe leisteten. Ob Asperger zu diesem Kreis gehörte, lässt sich jedoch nicht belegen. Weder wird er in entsprechenden Erinnerungen erwähnt, noch hat er selbst diesen Fall später hervorgehoben – auch nicht in Situationen, in denen er seine eigene Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus darstellte. Hinweise deuten darauf hin, dass er zumindest Kenntnis von den Vorgängen hatte, ohne jedoch aktiv daran beteiligt gewesen zu sein.

Möglicherweise steht dieser Zusammenhang auch mit seiner Entscheidung, sich 1943 zum Militärdienst zu melden. Asperger erklärte später, er habe diesen Schritt unternommen, um möglichen Repressionen zu entgehen. Diese Darstellung steht jedoch im Widerspruch zu den weiterhin positiven Einschätzungen seiner Person durch nationalsozialistische Stellen. Plausibler erscheint, dass persönliche oder institutionelle Umstände eine Rolle spielten, etwa der Wunsch, sich im Falle einer Entdeckung aus dem unmittelbaren Umfeld der Klinik zu entfernen.

Ein häufig angeführtes Argument für eine Distanz Aspergers zum Regime ist seine Nichtmitgliedschaft in der NSDAP. Angesichts der hohen Zahl von Parteimitgliedern unter Ärzten ist dies durchaus bemerkenswert. Dennoch bedeutet es nicht, dass er sich grundsätzlich vom nationalsozialistischen System fernhielt. Im Gegenteil: Er trat mehreren Organisationen bei, die eng mit der Partei verbunden waren, darunter große Massenorganisationen sowie eine berufsständische Vereinigung, die eine zentrale Rolle in der ideologischen Ausrichtung der Medizin spielte.

Diese Mitgliedschaften lassen sich als Teil einer Strategie verstehen, die eigene Position abzusichern und berufliche Perspektiven zu erhalten. Indem er auf eine formale Parteimitgliedschaft verzichtete, zugleich aber Anschluss an wichtige Institutionen suchte, bewegte sich Asperger in einem Zwischenbereich zwischen Anpassung und begrenzter Distanz.

Entscheidend für seine Stellung war zudem der Rückhalt durch seinen Vorgesetzten, der als überzeugter Nationalsozialist über erheblichen Einfluss verfügte. In der hierarchischen Struktur der Universitätsmedizin war diese Unterstützung von zentraler Bedeutung. Sie verschaffte Asperger nicht nur Schutz, sondern auch Zugang zu Karrierechancen innerhalb eines politisch stark geprägten Systems.

Zeitgenössische interne Beurteilungen durch Parteistellen geben Einblick in die Wahrnehmung Aspergers durch das Regime. Zunächst wurde er als politisch indifferent beschrieben, ohne besondere Verdienste für die Bewegung und mit einer Herkunft aus dem christlich-sozialen Milieu. Positiv vermerkt wurde jedoch, dass er sich dem politischen Umbruch nicht widersetzt hatte.

In den folgenden Jahren wandelte sich diese Einschätzung. Trotz fortbestehender Vorbehalte gegenüber seiner katholischen Prägung galt Asperger zunehmend als politisch unbedenklich. Besonders hervorgehoben wurde, dass er sich in Fragen der Rassenpolitik und der entsprechenden gesetzlichen Maßnahmen konform verhielt. Insgesamt zeigt sich, dass er nach einer anfänglichen Phase der Unsicherheit für das Regime als verlässlicher und anpassungsfähiger Mitarbeiter erschien.

Politische Bewertung und Karriereentwicklung

Auch andere interne Einschätzungen aus der Zeit bestätigen das Bild eines politisch angepassten, aber nicht ideologisch exponierten Arztes. Asperger wurde als jemand beschrieben, der aus katholischen Kreisen stammte, sich jedoch nicht aktiv gegen den Nationalsozialismus gestellt hatte – obwohl ihm dies in seinem beruflichen Umfeld möglich gewesen wäre. Seine persönliche Integrität wurde positiv bewertet, zugleich blieb eine gewisse Distanz aufgrund seiner politischen Vergangenheit bestehen.

Diese anfängliche Zurückhaltung seitens der Parteistellen nahm jedoch im Verlauf der Zeit ab. Asperger wurde zunehmend als politisch verlässlich eingestuft, und seine berufliche Laufbahn blieb unbeeinträchtigt. Dies zeigte sich besonders deutlich in seiner Habilitation im Jahr 1943, für die neben der wissenschaftlichen Leistung auch eine politische Überprüfung erforderlich war. Beide Voraussetzungen erfüllte er ohne Schwierigkeiten, was darauf hindeutet, dass er innerhalb des Systems als akzeptiert galt.

Darüber hinaus bemühte sich Asperger aktiv darum, seine Loyalität zu demonstrieren. In Vorträgen betonte er die Rolle seiner Disziplin im nationalsozialistischen Staat und bekannte sich zu zentralen Prinzipien der NS-Medizin. Zeitgenössische Hinweise deuten darauf hin, dass er dabei mitunter so weit ging, dass selbst Kollegen eine gewisse Überanpassung wahrnahmen. Auch in seiner täglichen Praxis spiegelte sich diese Haltung wider, etwa durch symbolische Gesten wie die Verwendung nationalsozialistischer Grußformeln in medizinischen Berichten.

Jüdische Patienten

Die Situation jüdischer Kinder auf Aspergers Station eröffnet einen besonders aufschlussreichen Blick auf sein Verhalten unter den Bedingungen des Nationalsozialismus. Ihre Diagnosen und die Entscheidungen über ihre weitere Behandlung hatten unmittelbare Konsequenzen für ihre Überlebenschancen.

Bereits vor 1938 waren jüdische Patienten unterrepräsentiert, möglicherweise weil das politische Klima an der Klinik abschreckend wirkte. In den vorhandenen Unterlagen finden sich jedoch keine klaren Hinweise auf systematische Benachteiligung vor der Machtübernahme. Nach 1938 änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend.

Ein Fall zeigt, wie eng medizinische Entscheidungen mit politischen Entwicklungen verflochten waren. Ein jüdischer Junge wurde von Asperger als intellektuell leistungsfähig beschrieben, zugleich aber die Empfehlung ausgesprochen, ihn in eine jüdische Pflegeumgebung zu überführen. Damit entsprach diese Entscheidung einer Politik, die kurze Zeit später zur systematischen Trennung jüdischer Kinder von nichtjüdischen Bezugspersonen führte. Ob dies aus Anpassung, Vorsicht oder anderen Motiven geschah, lässt sich nicht eindeutig klären. Der weitere Lebensweg des Jungen bleibt unbekannt.

Ein anderer Fall verdeutlicht, wie die Realität der Verfolgung in der medizinischen Bewertung ausgeblendet wurde. Ein jüdischer Patient reagierte mit Angst und Unruhe auf die politischen Ereignisse nach dem „Anschluss“. Diese Reaktionen wurden jedoch nicht als nachvollziehbare Folge seiner Situation interpretiert, sondern als Ausdruck einer psychischen Störung. Seine Angst wurde damit entpolitisiert und individualisiert. Der Junge wurde später zur Zwangsarbeit herangezogen und starb gegen Ende des Krieges.

Solche Beispiele zeigen ein wiederkehrendes Muster. Asperger behandelte jüdische Kinder nicht offen feindselig, doch eine erkennbare Empathie für ihre Lage unter der nationalsozialistischen Verfolgung fehlt weitgehend. In seinen Berichten erscheinen ihre Lebensumstände selten als relevante Faktoren, selbst dann, wenn sie offensichtlich das Verhalten der Patienten beeinflussten.

Ein weiterer Fall macht dies besonders deutlich. Ein Kind wurde grundsätzlich positiv beurteilt, gleichzeitig aber als „Mischling“ gekennzeichnet – eine Information, die unter den damaligen Bedingungen erhebliche Gefahren nach sich ziehen konnte. Die Aufnahme solcher Angaben in medizinische Berichte zeigt, wie eng diagnostische Praxis und rassistische Kategorien miteinander verflochten waren.

Stereotypisierung und Wahrnehmung jüdischer Patienten

Nach dem „Anschluss“ traten rassistische Deutungsmuster in den Fallakten deutlich häufiger hervor. Jüdische Kinder wurden nun nicht mehr nur beschrieben, sondern zunehmend auch typisiert. In einem Fall wurde ein Mädchen als „jüdisch wirkend“ charakterisiert, zugleich wurde ihr Verhalten in einen vermeintlichen Gegensatz zu ihrem „jüdischen Wesen“ gestellt und ihre Herkunft ausdrücklich vermerkt.

Die biografischen Umstände solcher Kinder spielten dabei oft eine untergeordnete Rolle. Das betreffende Mädchen hatte erst dann schwere Verhaltensauffälligkeiten entwickelt, als sie und ihre Mutter aus ihrer Wohnung vertrieben und in eine spezielle Einrichtung für Personen jüdischer Herkunft untergebracht worden waren. Berichte über Misshandlungen in dieser Umgebung wurden jedoch nicht als mögliche Ursache ihrer Symptome gewertet, sondern als Zeichen mangelnder Glaubwürdigkeit interpretiert. Wenige Jahre später wurde sie deportiert und vermutlich im Zuge der systematischen Ermordung jüdischer Kinder getötet.

Ein ähnliches Muster zeigt sich in anderen Fällen. Die Angstreaktionen eines jüdischen Mädchens auf Verfolgung und Gewalt wurden als Ausdruck einer schweren psychischen Erkrankung gedeutet. Gleichzeitig finden sich in den diagnostischen Bemerkungen Hinweise auf zeittypische rassistische Stereotype, etwa in der Verbindung von Entwicklungsmerkmalen mit „rassischen“ Zuschreibungen.

Die Frage, ob Asperger selbst antisemitische Überzeugungen vertrat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Direkte Belege sind selten. Allerdings bewegte er sich in einem Umfeld, in dem antisemitische Vorstellungen weit verbreitet waren, und distanzierte sich später nicht ausdrücklich von ihnen. Zugleich hatte er vor 1938 enge berufliche und persönliche Kontakte zu jüdischen Kollegen, die nach dem Krieg teilweise wieder aufgenommen wurden. Auch hier zeigt sich ein widersprüchliches Bild: Nähe im persönlichen Umgang, aber Einbindung in ein System, das von Ausgrenzung und Verfolgung geprägt war – und von dem er zugleich profitierte.

Medizin, Ideologie und „Rassenhygiene“

Ein Großteil der bisherigen Darstellungen konzentriert sich auf wenige Veröffentlichungen Aspergers. Eine breitere Betrachtung zeigt jedoch, dass er sich wiederholt zu Fragen von Medizin, Gesellschaft und „Rassenhygiene“ äußerte – und dabei zentrale Elemente der nationalsozialistischen Ideologie übernahm.

Besonders aufschlussreich ist ein Vortrag aus dem Jahr 1938, in dem er sich unmittelbar nach der politischen Umwälzung positionierte. Darin stellte er die Medizin ausdrücklich in den Dienst eines neuen Ordnungsprinzips, das das Wohl des „Volkes“ über das des Einzelnen stellte. Gesundheit wurde nicht mehr primär als individuelle Angelegenheit verstanden, sondern als Ressource der Gemeinschaft, deren Erhalt staatliche Eingriffe legitimierte.

In diesem Zusammenhang rief Asperger seine ärztlichen Kollegen dazu auf, Verantwortung für Maßnahmen zu übernehmen, die auf die Verhinderung „erbkranker“ Nachkommen zielten. Diese Aussagen standen im Kontext einer bereits etablierten Praxis massenhafter Zwangssterilisationen. Für das zeitgenössische Publikum war klar, welche Konsequenzen solche Forderungen hatten.

Zugleich betonte Asperger, dass Entscheidungen in diesem Bereich nicht allein auf schematischen Kriterien beruhen dürften, sondern eine umfassende Einschätzung der Persönlichkeit des Kindes erforderten. Diese Forderung wurde später als Versuch interpretiert, Schutzräume zu schaffen. Entscheidend ist jedoch, dass sie innerhalb eines Systems formuliert wurde, dessen Grundannahmen – die Bewertung von Leben nach erbbiologischen Kriterien – nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurden.

Diese Spannung erklärt, warum entsprechende Äußerungen seine Stellung im nationalsozialistischen System nicht gefährdeten. Sie bewegten sich innerhalb der akzeptierten ideologischen Grenzen und bestätigten letztlich die Bereitschaft zur Mitarbeit an einem medizinischen Programm, das eng mit den Zielen des Regimes verknüpft war.

Anpassung innerhalb ideologischer Grenzen

Die Forderung nach einer „ganzheitlichen“ Betrachtung der Persönlichkeit war an der Wiener Heilpädagogik keineswegs neu. Bereits zuvor hatte man neben kognitiven Fähigkeiten auch Charakter, Verhalten und praktische Kompetenzen in den Mittelpunkt gestellt. Im Kontext des Nationalsozialismus erhielt dieser Ansatz jedoch eine zusätzliche ideologische Bedeutung. Die Abwertung abstrakten Denkens zugunsten von „Charakter“ und praktischer Leistungsfähigkeit entsprach der verbreiteten Geringschätzung analytischer Rationalität, die häufig als „jüdisch“ konnotiert wurde.

Auch in der Umsetzung rassenhygienischer Maßnahmen spielte diese Perspektive eine Rolle. Entscheidungen orientierten sich zunehmend nicht allein an Intelligenz, sondern an einer breiteren Bewertung der „Leistungsfähigkeit“ und der gesellschaftlichen Verwendbarkeit. In diesem Rahmen betonte Asperger stärker als viele andere Ärzte vorhandene Fähigkeiten statt Defizite. Dies konnte einzelnen Kindern zugutekommen, bedeutete jedoch keine grundsätzliche Abkehr von den zugrunde liegenden Kategorien. Die Beurteilung des „erblichen Wertes“ blieb zentral, und eine differenziertere Betrachtung konnte sowohl entlastend als auch belastend wirken.

Asperger bewegte sich damit innerhalb der ideologischen Spielräume des Systems. Er formulierte Differenzierungen, ohne die Grundannahmen in Frage zu stellen. Seine Position blieb anschlussfähig und wurde nicht als Kritik wahrgenommen.

Medizin im Dienst des „Volkskörpers“

In seinen Veröffentlichungen aus der Zeit nach 1938 griff Asperger wiederholt zentrale Leitideen der nationalsozialistischen Medizin auf. Dabei stellte er die ärztliche Tätigkeit ausdrücklich in den Dienst einer übergeordneten Gemeinschaft. Neben der Behandlung des einzelnen Patienten trat die Verpflichtung, die Gesundheit des „Volkes“ zu sichern.

Dieses Denken beinhaltete auch die Akzeptanz sogenannter „einschneidender Maßnahmen“. Die Metapher des chirurgischen Eingriffs wurde auf den gesellschaftlichen Körper übertragen: Wie ein Arzt beim Individuum Schmerzen in Kauf nimmt, um Heilung zu ermöglichen, müsse auch die Gemeinschaft geschützt werden, indem die Weitergabe „krankhaften“ Erbguts verhindert werde. Solche Formulierungen entsprechen dem typischen Sprachgebrauch der Zeit, der radikale Maßnahmen in medizinische Begriffe kleidete.

Gleichzeitig betonte Asperger die Bedeutung von Umwelt und Erziehung. Auch bei als „erblich belastet“ geltenden Kindern sah er Möglichkeiten der Entwicklung unter günstigen Bedingungen. Diese Haltung unterschied ihn von streng deterministischen Positionen, blieb jedoch mit den Grundannahmen der Rassenhygiene vereinbar. Pädagogische Förderung und eugenische Eingriffe wurden nicht als Gegensätze verstanden, sondern als komplementäre Instrumente.

Vererbung, Diagnose und Verantwortung

In seiner späteren Arbeit hielt Asperger an der Vorstellung fest, dass psychische Eigenschaften wesentlich durch die „Konstitution“ bestimmt seien. Entwicklungsmöglichkeiten wurden als begrenzt, aber nicht völlig ausgeschlossen betrachtet. Diese Sichtweise erwies sich in einzelnen Bereichen als zutreffend, führte jedoch in anderen Fällen zu problematischen Zuschreibungen. Besonders auffällig ist die Tendenz, Verhalten frühzeitig als Ausdruck stabiler, angeborener Eigenschaften zu interpretieren. In sensiblen Bereichen konnte dies dazu führen, dass Verantwortung von Tätern auf Opfer verschoben wurde.

Fürsorge und Systemlogik

Ein zentrales Element der späteren Deutung Aspergers ist sein wiederholtes Eintreten für eine engagierte Betreuung „auffälliger“ Kinder. Tatsächlich finden sich in seinen Texten zahlreiche Passagen, in denen er für Geduld, Verständnis und Förderung plädiert. Er betonte, dass auch ungewöhnliche Persönlichkeiten ihren Platz in der Gesellschaft haben und unter geeigneten Bedingungen Entwicklungsmöglichkeiten besitzen.

Diese Haltung wurde oft als Ausdruck eines grundsätzlichen Gegensatzes zum nationalsozialistischen System interpretiert. Die vorhandenen Hinweise sprechen jedoch dagegen. Seine Arbeiten wurden weiterhin in kontrollierten Fachzeitschriften veröffentlicht, und seine Karriere entwickelte sich ohne erkennbare Hindernisse weiter. Seine Positionen bewegten sich innerhalb des akzeptierten Rahmens.

Entscheidend ist zudem, dass Förderung und Auslese im nationalsozialistischen Denken keine Gegensätze bildeten. Angesichts wachsender Anforderungen an Arbeitskraft und gesellschaftliche Organisation bestand ein Interesse daran, möglichst viele Menschen – auch solche mit Einschränkungen – für bestimmte Funktionen nutzbar zu machen. Therapie und Selektion waren Teil desselben Systems: Wer als förderfähig galt, sollte integriert werden; wer als „unheilbar“ eingestuft wurde, konnte ausgesondert werden.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Aspergers Forderungen nach intensiver Betreuung nicht als Widerstand, sondern als kompatibel mit den Zielen des Regimes. Auch er selbst stellte die Arbeit der Heilpädagogik in den Dienst dieser Ordnung, indem er betonte, dass die Förderung „auffälliger“ Kinder letztlich dem Nutzen der Gemeinschaft diene – sowohl durch die Vermeidung sozialer Abweichung als auch durch ihre Einbindung als produktive Mitglieder.

Heilpädagogik zwischen Förderung und Selektion

Selbst unter den radikalsten Vertretern der nationalsozialistischen Medizin bestand Einigkeit darüber, dass therapeutische Maßnahmen für jene sinnvoll waren, die als potenziell nützlich für den Staat galten. Dies betraf nicht nur Aspergers Umfeld, sondern auch zentrale Akteure des Systems – darunter sein Vorgesetzter sowie ein ehemaliger Kollege, der später eine führende Rolle in der Organisation der sogenannten „Euthanasie“-Morde übernahm und für den Tod zahlreicher Kinder verantwortlich war.

Zwischen Asperger und diesem Kollegen bestanden während der NS-Zeit weiterhin berufliche Kontakte. Beide bewegten sich im selben institutionellen Gefüge und waren an Strukturen beteiligt, die eng mit der Verwaltung und Bewertung von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten verbunden waren. In diesem Zusammenhang war Asperger auch an Untersuchungen beteiligt, bei denen zahlreiche Kinder erfasst wurden, von denen viele später in Einrichtungen starben, die Teil des Tötungsprogramms waren. Die genaue Ausgestaltung seiner Tätigkeit bleibt in Teilen unklar, doch die Verbindung zu diesen Prozessen ist dokumentiert.

Die grundsätzliche Übereinstimmung zeigt sich auch in zeitgenössischen Stellungnahmen. Selbst Vertreter einer besonders radikalen Linie erkannten den Wert heilpädagogischer Arbeit an – allerdings unter einer klar utilitaristischen Voraussetzung: Ziel war es, möglichst viele Kinder so zu formen, dass sie für die Gemeinschaft funktional wurden. Fälle, die als nicht „verbesserbar“ galten, wurden dagegen anderen Institutionen zugeführt, deren Aufgabe in der Verwahrung oder Ausschaltung bestand.

Auch wenn sich die Sprache unterschied – während radikalere Stimmen offen von Aussonderung sprachen, betonte Asperger Empathie und Förderung –, bewegten sich beide Positionen innerhalb derselben Grundlogik. Heilpädagogik sollte nicht primär dem Individuum dienen, sondern dazu beitragen, Menschen in die Ordnung des Staates einzugliedern und sie für dessen Zwecke nutzbar zu machen.

Diese Sichtweise durchzieht Aspergers Arbeiten der Zeit. Er stellte die Frage nach der Fürsorge für „auffällige“ Kinder ausdrücklich in den Zusammenhang ihres Nutzens für die Gemeinschaft. Förderung wurde gerechtfertigt, wenn sie dazu beitrug, Belastungen zu vermeiden und aus problematischen Individuen produktive Mitglieder zu machen. Damit verband sich ein implizites Bewertungsschema, das zwischen förderfähigen und nicht förderfähigen Kindern unterschied.

In programmatischen Texten formulierte Asperger diesen Zusammenhang noch deutlicher. Er verstand die Aufgabe der Heilpädagogik als Teil eines umfassenden staatlichen Erziehungsprojekts, dessen Ziel die Eingliederung in die nationalsozialistische Ordnung war. Kinder, die sich mit besonderen Mitteln formen ließen, sollten ihren Platz in Beruf, Militär oder Partei finden. Erfolg wurde daran gemessen, ob sie ihre Rolle im „Volksganzen“ erfüllen konnten.

Diese Position war keineswegs randständig. Sie wurde in zentralen fachlichen Foren vertreten und entsprach den Erwartungen der politischen Führung. Heilpädagogik galt als wichtiger Bestandteil eines Systems, das angesichts wachsender Anforderungen möglichst viele Menschen nutzbar machen wollte.

Damit tritt die grundlegende Spannung deutlich hervor: Förderung und Aussonderung waren zwei Seiten derselben Logik. Während ein Teil der Kinder als entwicklungsfähig galt und gezielt unterstützt wurde, blieb für diejenigen, die als nicht integrierbar erschienen, nur ein anderer Weg. Dieser Bereich bleibt in Aspergers Darstellungen weitgehend ausgespart. Er sprach ausführlich über Möglichkeiten der Förderung, vermied jedoch klare Aussagen darüber, was mit jenen geschah, die diesen Anforderungen nicht entsprachen.

Gerade diese Leerstelle ist entscheidend. Sie betrifft auch die Gruppe jener Kinder, die Asperger selbst besonders hervorhob. Die Annahme, er habe durch die Betonung bestimmter Fälle indirekt Schutz für alle schaffen wollen, greift zu kurz. Seine Arbeit bewegte sich innerhalb eines Systems, das Differenzierung nicht zur Aufhebung von Auslese nutzte, sondern zu ihrer präziseren Durchführung.

Grenzen der Schutzthese

Die verbreitete Annahme, Asperger habe durch seine Arbeit gezielt versucht, Kinder mit autistischen Merkmalen vor rassenhygienischen Maßnahmen zu schützen, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Ein erstes Problem liegt in seiner eigenen theoretischen Position. In zentralen Texten betonte er nachdrücklich die erbliche Grundlage der beschriebenen Störungen und wies Erklärungen durch äußere Einflüsse entschieden zurück. Unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Systems war eine solche Betonung der Vererbung keineswegs neutral. Wer den Schutz seiner Patienten im Blick gehabt hätte, hätte eher Anlass gehabt, diese Frage vorsichtiger oder offener zu behandeln, um keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf sie zu lenken.

Hinzu kommt, dass Aspergers Einschätzungen keineswegs durchgehend positiv waren. Bereits in frühen Darstellungen stellte er Kinder mit autistischen Merkmalen nicht einheitlich als besonders begabt dar, sondern betonte ihre tiefgreifenden Schwierigkeiten. Zwar erkannte er bei einigen von ihnen erhebliche intellektuelle Fähigkeiten, zugleich verwies er jedoch auf Fälle, in denen die Auffälligkeiten als schwer, bizarr oder sozial kaum integrierbar erschienen. Die Bandbreite reichte von ungewöhnlichen Begabungen bis hin zu schweren Beeinträchtigungen, die kaum Entwicklungsmöglichkeiten erkennen ließen.

Auch in späteren Arbeiten bleibt dieses Bild differenziert. Einzelne Kinder konnten unter bestimmten Bedingungen Fortschritte erzielen, andere blieben deutlich eingeschränkt. Entscheidend war für Asperger die Möglichkeit, Defizite im sozialen Bereich durch intellektuelle Leistungen auszugleichen. Wo diese Möglichkeit fehlte, verschlechterte sich die Prognose erheblich. Besonders problematisch waren jene Fälle, in denen autistische Merkmale mit geringer intellektueller Leistungsfähigkeit verbunden waren. Hier sah er nur begrenzte Perspektiven.

Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung, Asperger habe gezielt nur die „vielversprechenden“ Fälle hervorgehoben, um damit indirekt alle Betroffenen zu schützen, nicht überzeugend. Seine Darstellungen verschweigen die schwer beeinträchtigten Kinder keineswegs, sondern machen deren Situation ausdrücklich sichtbar.

Darüber hinaus beruht diese Schutzthese auf einer grundlegenden Fehlannahme. Die Bewertung der Kinder erfolgte nicht nach diagnostischen Kategorien allein, sondern nach ihrer individuellen Leistungsfähigkeit und ihrem möglichen Nutzen für die Gemeinschaft. Die Hervorhebung einzelner besonders leistungsfähiger Fälle änderte nichts an der Situation jener, die diesen Anforderungen nicht entsprachen. Im Gegenteil: Eine Argumentation, die den Wert eines Menschen an seiner Verwertbarkeit misst, erhöht tendenziell den Druck auf diejenigen, die diesen Maßstäben nicht genügen.

Die Heilpädagogik selbst operierte von Anfang an innerhalb dieser Logik. Ihr Fokus lag auf Kindern, bei denen eine Förderung als erfolgversprechend galt. Schwer beeinträchtigte Kinder wurden häufig von vornherein ausgegrenzt und anderen Einrichtungen zugewiesen. Diese Unterscheidung zwischen „förderfähig“ und „nicht förderfähig“ war tief in der Praxis verankert und gewann im nationalsozialistischen Kontext zusätzliche Bedeutung, da sie unmittelbar mit Entscheidungen über Leben und Tod verbunden sein konnte.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Betonung individueller Entwicklungsmöglichkeiten nicht als Schutzstrategie, sondern als Teil eines Systems, das zwischen verwertbaren und nicht verwertbaren Leben unterschied. Aspergers Argumentation zielte darauf, den Nutzen seiner Disziplin sichtbar zu machen – nicht darauf, die zugrunde liegenden Kriterien in Frage zu stellen.

Diese Position entstand nicht erst unter dem Einfluss des Nationalsozialismus. Bereits vor 1938 hatte Asperger ähnliche Argumente verwendet, um die Bedeutung der Heilpädagogik zu begründen. Nach der politischen Umwälzung passte er diese Überlegungen an die neuen Rahmenbedingungen an und verband sie ausdrücklich mit den Zielen des Regimes.

Insgesamt zeigt sich, dass Aspergers Forderungen nach intensiver Betreuung „auffälliger“ Kinder ihn nicht außerhalb des Systems stellten. Seine Positionen entsprachen weitgehend dem, was innerhalb der nationalsozialistisch geprägten Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik als legitim galt. Auch wenn seine Texte gelegentlich einen wärmeren Ton anschlagen, bewegen sie sich inhaltlich im Rahmen des akzeptierten Diskurses.

Diese Anpassung wurde zusätzlich dadurch erleichtert, dass sich die Wiener Heilpädagogik bereits vor 1938 in Richtung eines stark biologisch orientierten Verständnisses entwickelt hatte. Die Bedeutung erblicher Faktoren stand im Mittelpunkt, während alternative Ansätze an Einfluss verloren. Asperger, der seine Laufbahn in diesem Umfeld begann, teilte diese Grundannahmen und knüpfte nahtlos an sie an.

 

Herwig Czech (*1974) ist ein österreichischer Medizinhistoriker und seit November 2023 Universitätsprofessor für Medizingeschichte an der Medizinischen Universität Wien.

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| Zlatko
Dieser Text ist so wichtig, weil er etwas tut, was in solchen Debatten nur selten geschieht: Er ersetzt Legende durch Kontext. Gerade bei einer Figur wie Hans Asperger ist die Versuchung groß, im Nachhinein ein entlastendes, moralisch beruhigendes Bild zu zeichnen. Hier wird stattdessen nüchtern gezeigt, wie sehr Karriere, Anpassung, ideologische Nähe und institutionelle Verstrickung zusammengehören konnten, ohne dass daraus automatisch das Bild eines „überzeugten “ Nationalsoziali sten im engen Sinn entstehen muss. Genau diese Ambivalenz macht den Text stark.

Besonders überzeugend ist, dass nicht mit moralischer Pose gearbeitet wird, sondern mit Strukturen, Akten, Handlungsspielr äumen und ihren Grenzen. Dadurch wird auch deutlich, wie unerquicklich die Schutzthese oft ist: Sie vereinfacht etwas, das historisch gerade in seiner Widersprüchlichkeit verstanden werden muss. Ein sehr kluger, notwendiger und unbequemer Text.

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