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Materialien – Grundlagen
Hans Asperger – Teil 2
Expertise, Aufstieg und institutionelle Verflechtung
Inhalt
Hans Asperger – Teil 1
Hans Asperger – Teil 2
Kurz nach 1938 übernahm er Funktionen als Gutachter für staatliche Stellen, unter anderem für die Jugendgerichtsbarkeit. Wenig später wurde er zusätzlich für das Gesundheitswesen tätig und verfasste regelmäßig fachliche Beurteilungen von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten. Seine Einschätzungen galten als maßgeblich und wurden von verschiedenen Institutionen als entscheidende Grundlage herangezogen.
Diese Tätigkeit steht in einem Spannungsverhältnis zu seiner späteren Darstellung, er habe sich einer Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen entzogen. Die Praxis zeigt vielmehr, dass er eng in ein System eingebunden war, das Informationen über Patienten systematisch erfasste und für rassenhygienische Maßnahmen nutzbar machte.
Zwar finden sich in den erhaltenen Unterlagen nur vereinzelt direkte Hinweise darauf, dass Asperger aktiv Daten für entsprechende Register lieferte. Dies könnte auf Zurückhaltung hindeuten – ebenso aber auf Lücken im Quellenbestand. In einzelnen Fällen ist jedoch eindeutig belegt, dass er mit entsprechenden Behörden kooperierte und relevante Informationen weitergab.
Ein Vergleich von Diagnosen aus unterschiedlichen Einrichtungen zeigt zudem Unterschiede im Umgang mit erbbiologischen Faktoren. Während andere Ärzte häufiger explizit auf vermeintliche Vererbung verwiesen, tat Asperger dies zurückhaltender und vermied in der Regel direkte Empfehlungen zu Maßnahmen wie Sterilisation. Dennoch verwendete auch er Begriffe, die auf eine biologische Deutung hinweisen, und bewegte sich damit innerhalb des etablierten Denkschemas.
Direkte Hinweise darauf, dass er selbst Patienten zur Sterilisation meldete, lassen sich nicht nachweisen. Dies stützt teilweise seine spätere Darstellung einer begrenzten Distanz. Allerdings relativiert sich diese Einschätzung durch den historischen Kontext. Die Sterilisationspraxis in Österreich erreichte nie das Ausmaß anderer Regionen, und die Nichtmeldung von Fällen war offenbar nicht ungewöhnlich und brachte in der Regel keine persönlichen Risiken mit sich.
Entscheidend ist daher weniger, ob Asperger sich einzelnen Maßnahmen entzog, sondern wie er sich insgesamt im System positionierte. In bestimmten Situationen zeigte er Bereitschaft zur Kooperation, insbesondere wenn er nicht unmittelbar für die Konsequenzen verantwortlich war. So konnte die Weitergabe von Informationen ausreichen, um Maßnahmen in Gang zu setzen, ohne dass er selbst aktiv eingreifen musste.
Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Einzelfälle, in denen seine Einschätzung möglicherweise schützend wirkte. In einem dokumentierten Fall führte ein Gutachten dazu, dass ein Jugendlicher aus dem institutionellen Zugriff herausgenommen und in eine weniger gefährdete Umgebung verlegt wurde. Solche Situationen bleiben jedoch schwer eindeutig zu bewerten, da sie oft erst im Rückblick interpretiert werden können.
Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Bild: Asperger bewegte sich innerhalb eines Systems, das auf Bewertung, Selektion und Verwaltung von Leben ausgerichtet war. Seine Rolle war weder die eines offenen Gegners noch die eines radikalen Vollstreckers. Vielmehr agierte er in einem Bereich, in dem Anpassung, begrenzte Distanz und situative Entscheidungen ineinandergriffen – mit Konsequenzen, die sich für die Betroffenen oft erst im weiteren Verlauf ihrer Lebenswege zeigten.
Ambivalenz gegenüber Zwangssterilisation
Die vorhandenen Quellen zeichnen ein widersprüchliches Bild von Aspergers Haltung zur Zwangssterilisation. Einerseits bekannte er sich öffentlich zu den Grundprinzipien dieser Politik und forderte ihre „verantwortungsvolle“ Umsetzung. Dies entsprach seiner generellen Strategie, Kooperationsbereitschaft zu signalisieren, ohne sich besonders radikal zu positionieren.
Andererseits deuten die erhaltenen Unterlagen darauf hin, dass er in der Praxis häufig darauf verzichtete, Kinder für entsprechende Maßnahmen zu melden. Diese Zurückhaltung brachte ihn offenbar nicht in Konflikt mit den Behörden, zumal die Sterilisationspolitik in Österreich insgesamt weniger konsequent umgesetzt wurde als anderswo.
Mit der Einrichtung spezieller Tötungsanstalten für Kinder verschob sich zudem der Schwerpunkt der Maßnahmen. Für besonders schwer beeinträchtigte Kinder stand nun ein direkter Weg der „Lösung“ zur Verfügung. Auch wenn die meisten von Aspergers Patienten nicht zu dieser Gruppe gehörten, wurden einzelne von ihnen Opfer dieses Systems. Seine Rolle in diesem Zusammenhang wird besonders deutlich im Blick auf die Zusammenarbeit mit der Einrichtung „Am Spiegelgrund“.
Grenzen der „Erziehbarkeit“
In seinen Veröffentlichungen erscheint Asperger als jemand, der sich innerhalb des Systems bewegte, dessen ideologische Grundlagen akzeptierte und zugleich die Bedeutung seiner Disziplin betonte. Sein zentrales Argument bestand darin, dass auch „auffällige“ Kinder durch gezielte Förderung zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft werden könnten.
Dieser Optimismus hatte jedoch klare Grenzen. Dort, wo Kinder als schwer beeinträchtigt galten und keine Aussicht auf Integration bestand, endete die Perspektive der Förderung. In seiner Funktion als Gutachter wurde Asperger auch mit solchen Fällen konfrontiert – mit Kindern, für die das System keine pädagogische Lösung mehr vorsah.
Die entsprechende Institution war die Wiener Einrichtung „Am Spiegelgrund“, die 1940 gegründet wurde und als Sammelstelle für Kinder diente, die den Kriterien der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ nicht entsprachen. Hunderte von ihnen wurden dort ermordet.
Ein konkreter Fall zeigt, wie sich diagnostische Einschätzung und institutionelle Praxis verbanden. Ein kleines Kind mit schweren Entwicklungsstörungen wurde von Asperger untersucht und als dauerhaft belastend für die Familie beschrieben. In seinem Gutachten empfahl er die dauerhafte Unterbringung in jener Einrichtung, die Teil des Tötungsprogramms war. Kurz darauf wurde das Kind dorthin überführt und wenige Wochen später unter typischen Umständen der Einrichtung getötet.
Die vorhandenen Dokumente erlauben keinen vollständigen Einblick in die Entscheidungsprozesse. Unklar bleibt, in welchem Maß solche Entscheidungen gemeinsam mit den Angehörigen getroffen wurden oder ob sie aus der medizinischen Bewertung heraus entstanden. In dem konkreten Fall deutet vieles darauf hin, dass die familiäre Situation – Überforderung, soziale Isolation und Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung – eine entscheidende Rolle spielte.
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Damit wird ein weiterer Aspekt sichtbar: Die Entscheidungen fanden nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einem Umfeld, das von der Abwertung „lebensunwerten“ Lebens geprägt war und gleichzeitig nur begrenzte Unterstützung für betroffene Familien bot. Unter solchen Bedingungen konnte die Vorstellung, ein schwer beeinträchtigtes Kind „loszuwerden“, als Ausweg erscheinen.
Unabhängig von den individuellen Motiven bleibt jedoch festzuhalten, dass Asperger die Überweisung in eine Einrichtung empfahl, deren Funktion bekannt war oder zumindest absehbar sein musste. Ob er dies als direkte Konsequenz seiner Diagnose verstand oder als formale medizinische Maßnahme formulierte, lässt sich nicht eindeutig klären. Klar ist jedoch, dass er nicht davon ausging, dass das Kind in den familiären Kontext zurückkehren würde.
Kapitulation im Grenzbereich der Heilpädagogik
Der Fall macht die Grenzen von Aspergers therapeutischem Selbstverständnis besonders deutlich. Zwar betonte er immer wieder die Pflicht, auch Kindern mit schweren Auffälligkeiten die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Doch die entscheidende Frage, was mit jenen geschehen sollte, bei denen keine Aussicht auf Entwicklung bestand, blieb in seinen Aussagen unbeantwortet.
Sein Einsatz galt in erster Linie jenen Kindern, bei denen ein zukünftiger Nutzen für die Gesellschaft denkbar erschien. Diese Gruppe darf nicht mit jenen verwechselt werden, die als „nicht erziehbar“ galten und im Rahmen des Systems gezielt ausgesondert wurden. In Fällen schwerer Schädigung, bei denen keine Verbesserung zu erwarten war, endete auch Aspergers pädagogischer Optimismus. In solchen Situationen sprach er selbst davon, dass man letztlich „kapitulieren“ müsse.
Die Überweisung eines schwer beeinträchtigten Kindes in eine entsprechende Einrichtung erscheint vor diesem Hintergrund als Konsequenz einer solchen Kapitulation. Ähnliche Muster zeigen sich in weiteren Fällen: Kinder mit schweren neurologischen Schäden, verbunden mit aggressivem Verhalten und fehlender Sprachentwicklung, wurden als dauerhafte Belastung für ihre Familien beschrieben. Die Empfehlung lautete auch hier, sie in jene Institutionen zu überführen, die faktisch Teil des Tötungssystems waren.
Ob die Eltern die Tragweite dieser Entscheidungen vollständig erkannten, bleibt unklar. In einzelnen Fällen wird deutlich, dass sie unter enormem Druck standen – geprägt von Überforderung, beengten Lebensverhältnissen und gesellschaftlicher Stigmatisierung. Die Forderung nach Unterbringung konnte daher sowohl aus eigener Initiative als auch im Zusammenspiel mit ärztlichen Empfehlungen entstehen.
Die Frage, ob Asperger sich der Konsequenzen bewusst war, lässt sich nicht eindeutig beantworten – sie ist jedoch zentral. Die verwendete Sprache bleibt ausweichend und vermeidet direkte Benennung. Begriffe wie „dauerhafte Unterbringung“ konnten als formale Empfehlung erscheinen, standen jedoch in engem Zusammenhang mit einer Praxis, deren tatsächliche Bedeutung nur indirekt ausgesprochen wurde.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Tötung von Patienten offiziell geheim gehalten wurde. Gleichwohl war das Wissen darüber keineswegs auf einen kleinen Kreis beschränkt. Gerüchte, Berichte und konkrete Hinweise waren in der Bevölkerung verbreitet. Proteste von Angehörigen sowie öffentliche Reaktionen zeigen, dass die Vorgänge keineswegs völlig verborgen blieben.
Für jemanden in Aspergers Position erscheint Unkenntnis daher kaum plausibel. Seine beruflichen Verbindungen, insbesondere zu zentralen Akteuren des Systems, sowie die institutionellen Überschneidungen zwischen Klinik, Gesundheitsverwaltung und Tötungsanstalten sprechen dafür, dass er zumindest über die grundlegenden Abläufe informiert war. Auch indirekte Hinweise deuten darauf hin, dass entsprechende Erwartungen an ihn herangetragen wurden.
Gleichzeitig zeigt sich, dass er nicht in jedem Fall denselben Weg wählte. Es gab Alternativen zur direkten Überweisung in eine solche Einrichtung, und in einzelnen Situationen wurden Kinder auch in andere Institutionen verlegt. Daraus ergibt sich, dass die Entscheidung nicht zwangsläufig war, sondern im Rahmen vorhandener Handlungsspielräume getroffen wurde.
Insgesamt verdichtet sich hier ein zentraler Befund: Aspergers Praxis bewegte sich im Spannungsfeld zwischen pädagogischem Anspruch und systemischer Logik. Wo Entwicklung möglich schien, wurde Förderung betont. Wo sie ausgeschlossen erschien, trat an ihre Stelle eine Form der Entscheidung, die letztlich mit den Mechanismen der Aussonderung verknüpft war.
Auswahl, Entscheidung und Verantwortung
Neben den bereits genannten Fällen lassen sich weitere Kinder nachweisen, die zuvor von Asperger untersucht worden waren und später in der Einrichtung starben. In einigen Fällen wurden sie zunächst in andere Institutionen überwiesen, bevor das Tötungssystem sie erfasste. Dies wirft die Frage auf, nach welchen Kriterien Asperger zwischen unterschiedlichen Wegen entschied. Warum wurden manche Kinder direkt in eine solche Einrichtung überwiesen, während andere zunächst anders untergebracht wurden?
Die vorhandenen Quellen geben darauf keine eindeutige Antwort. In einzelnen Fällen könnten die Haltung oder die Möglichkeiten der Angehörigen eine Rolle gespielt haben. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Asperger unter bestimmten Umständen die Tötung schwer beeinträchtigter Kinder als letzte Konsequenz akzeptierte. Diese Annahme gewinnt zusätzlich an Gewicht im Zusammenhang mit späteren Entscheidungen, an denen er beteiligt war.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel bietet eine Untersuchungskommission, die Anfang der 1940er Jahre ein psychiatrisches Kinderheim begutachtete. Ziel war es, die Kinder nach ihrer „Erziehbarkeit“ zu klassifizieren. Jene, die als nicht entwicklungsfähig eingestuft wurden, sollten einer speziellen Einrichtung überstellt werden – eine Formulierung, die im damaligen Kontext eindeutig auf das Tötungsprogramm verwies.
Asperger war Mitglied dieses Gremiums und spielte als einziger Vertreter der Heilpädagogik eine zentrale Rolle. Die Kinder wurden einzeln begutachtet und in Kategorien eingeteilt. Für einen Teil von ihnen wurde entschieden, dass weitere Förderung sinnvoll sei. Für eine andere Gruppe wurde jedoch festgestellt, dass keinerlei Entwicklung zu erwarten sei – eine Einschätzung, die faktisch einer Todesentscheidung gleichkam.
Die Folgen dieser Einteilung sind dokumentiert. In den Monaten nach der Untersuchung wurden zahlreiche Kinder in die entsprechende Einrichtung überführt und starben dort innerhalb kurzer Zeit. Die Sterblichkeitsrate lag bei hundert Prozent. Auch wenn zeitliche Verzögerungen auf organisatorische Gründe zurückzuführen sein können, zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen der Klassifikation als „nicht erziehbar“ und dem späteren Tod.
In einzelnen Fällen ist belegt, dass Angehörige versuchten, ihre Kinder aus den Einrichtungen herauszuholen. Diese Bemühungen wurden jedoch abgewiesen, häufig unter formalen Vorwänden. Die Akten zeigen, dass viele dieser Kinder keineswegs verlassen oder unerwünscht waren, sondern trotz ihrer Einschränkungen familiäre Bindungen hatten.
Vor diesem Hintergrund erscheint Aspergers Rolle als Teil eines funktionierenden Systems, in dem medizinische Begutachtung unmittelbar in administrative Entscheidungen über Leben und Tod überging. Auch wenn er nicht allein für die Konsequenzen verantwortlich war, trug seine Expertise dazu bei, die Auswahlprozesse zu legitimieren und umzusetzen.
Diagnose und Selbstbild
In seinen eigenen Darstellungen zeichnete Asperger das Bild eines engagierten Arztes, der sich mit Empathie und Optimismus seinen Patienten widmete. Zweifel an dieser Haltung bestehen insofern nicht, als er sich intensiv mit seiner Arbeit identifizierte und vielen Kindern tatsächlich Förderung zukommen ließ.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob diese Haltung auch jene Kinder einschloss, bei denen keine Aussicht auf Entwicklung bestand. Gerade hier zeigt sich eine Spannung zwischen dem Selbstbild eines fürsorglichen Pädagogen und der Praxis innerhalb eines Systems, das klare Grenzen zog.
Es wäre zu erwarten, dass sich seine Diagnosen deutlich von denen anderer Ärzte unterscheiden, die stärker von der Idee „lebensunwerten“ Lebens geprägt waren. Ob und in welchem Ausmaß dies tatsächlich der Fall war, lässt sich nur im direkten Vergleich feststellen – eine Frage, die im Folgenden weiter untersucht wird.
Vergleich der Diagnosen: Realität statt Selbstbild
Die Fallakten von Kindern, die sowohl bei Asperger als auch in der betreffenden Einrichtung untersucht wurden, ermöglichen erstmals einen direkten Vergleich der diagnostischen Praxis. Unter den Überlebenden zeigt sich ein differenziertes, aber insgesamt ernüchterndes Bild.
In mehreren Fällen hatte Asperger selbst eine Überweisung in die Einrichtung empfohlen oder zumindest nahegelegt. Zwar bedeutete dies nicht zwangsläufig den Tod der Kinder, doch setzte es sie erheblichen Risiken aus. Die Einrichtung diente nicht ausschließlich der Tötung, sondern auch der Beobachtung und Disziplinierung – zugleich war Gewalt allgegenwärtig, und die Bedrohung durch Selektion blieb bestehen.
Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer: Lässt sich in den Diagnosen Aspergers ein systematischer Versuch erkennen, die Kinder günstiger darzustellen, um sie zu schützen?
Die Auswertung zeigt das Gegenteil. Nur in wenigen Fällen fällt seine Einschätzung milder aus als die seiner Kollegen. In der Mehrheit der Fälle stimmen die Bewertungen überein oder Asperger urteilt sogar strenger. Damit bricht die Vorstellung eines grundsätzlich schützenden diagnostischen Ansatzes.
Ein Beispiel verdeutlicht dies. Ein Kleinkind mit auffälligem Verhalten wurde von Asperger früh als deutlich beeinträchtigt beschrieben und als Belastung für seine Umgebung eingestuft. Seine Diagnose betonte Defizite und Schwierigkeiten im sozialen Kontakt. Die spätere Einschätzung in der Einrichtung fiel zunächst ähnlich aus, entwickelte sich jedoch in eine deutlich positivere Richtung: Das Kind zeigte Fortschritte, wurde als emotional zugänglich beschrieben und schließlich zur Entlassung empfohlen. Hier zeigt sich, dass Aspergers diagnostischer Pessimismus nicht zwingend durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt wurde.
Ein anderes Beispiel illustriert die entgegengesetzte Richtung noch deutlicher. Ein intelligentes, aber schwieriges Kind wurde von Asperger als besonders problematisch charakterisiert. Er hob impulsives Verhalten und angebliche Boshaftigkeit hervor und empfahl eine strenge institutionelle Führung. Die spätere Bewertung kam zu einem wesentlich milderen Ergebnis: Das Verhalten wurde als situativ bedingt interpretiert, und die Rückführung in ein familiäres Umfeld erschien sinnvoll. Die zuvor gestellte Diagnose erwies sich als überzogen.
Ähnliche Muster finden sich in weiteren Fällen. Asperger neigte dazu, Verhaltensauffälligkeiten als Ausdruck stabiler, oft angeborener Eigenschaften zu deuten. Diese Perspektive führte zu negativen Prognosen, die sich nicht immer bestätigten. Andere Ärzte, selbst solche, die im System der Aussonderung tätig waren, gelangten mitunter zu weniger drastischen Einschätzungen.
Daraus ergibt sich ein zentraler Befund: Aspergers diagnostische Praxis war nicht durchgehend von einem schützenden Impuls geprägt. Seine Bewertungen konnten im Gegenteil dazu beitragen, Kinder als besonders problematisch oder schwer erziehbar erscheinen zu lassen – mit entsprechenden Konsequenzen innerhalb eines Systems, das solche Klassifikationen unmittelbar in institutionelle Entscheidungen übersetzte.
Sein oft betonter pädagogischer Optimismus zeigt sich damit als selektiv. Er galt vor allem dort, wo Entwicklung möglich erschien. In anderen Fällen wich er einer Sichtweise, die Defizite betonte und die Handlungsspielräume der betroffenen Kinder einschränkte.
Diagnosepraxis und Deutung der Ursachen
Ein wiederkehrendes Muster in Aspergers Diagnosen ist die Tendenz, belastende Lebensumstände der Kinder in den Hintergrund zu rücken und ihre Probleme primär als Ausdruck angeborener Defizite zu interpretieren. Selbst dort, wo offensichtliche Faktoren wie Krankheit, Vernachlässigung oder schwierige familiäre Verhältnisse eine Rolle spielten, wurden diese häufig als sekundär behandelt.
So wurde bei einem Jugendlichen, der durch Krankheit lange Zeit vom Schulbesuch ausgeschlossen gewesen war, das Hauptproblem nicht in diesen Umständen gesehen, sondern in angeblich grundlegenden Persönlichkeitsmängeln. Asperger beschrieb ihn als gefährlich für seine Umgebung und empfahl eine strenge institutionelle Kontrolle. Eine spätere Einschätzung kam zu einem deutlich milderen Urteil und führte die Schwierigkeiten eher auf mangelnde Förderung und ungünstige Lebensbedingungen zurück.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei jüngeren Kindern, deren Verhalten stark durch Vernachlässigung geprägt war. Während Asperger ihre Auffälligkeiten als Ausdruck einer „degenerativen“ Veranlagung deutete, erklärten andere Ärzte sie vor allem durch die tatsächlichen Lebensumstände. Damit verschiebt sich die Perspektive grundlegend: von einer festgelegten inneren Defizienz hin zu einer Situation, die zumindest teilweise veränderbar erscheint.
Nur in wenigen Fällen wich Asperger von seiner eher strengen Linie ab. In Einzelfällen zeigte er sich zurückhaltender als seine Kollegen und sprach sich gegen eine sofortige institutionelle Einweisung aus. Diese Ausnahmen bleiben jedoch schwer eindeutig zu bewerten, da sich die Situation der Kinder zwischen den jeweiligen Begutachtungen verändern konnte.
Insgesamt bestätigt sich jedoch das zuvor gewonnene Bild: Asperger neigte dazu, Probleme als stabile, tief verankerte Eigenschaften zu interpretieren. Diese Sichtweise führte häufig zu pessimistischen Einschätzungen und begünstigte Entscheidungen, die auf Trennung vom familiären Umfeld und Unterbringung in geschlossenen Einrichtungen hinausliefen.
Institution statt Familie
Ein weiterer zentraler Aspekt seiner Praxis ist die wiederkehrende Präferenz für institutionelle Lösungen. Familien wurden oft als überfordert, ungeeignet oder strukturell problematisch dargestellt. Daraus ergab sich die Konsequenz, Kinder aus ihrem Umfeld zu entfernen und unter strenge pädagogische Kontrolle zu stellen.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass viele Kinder tatsächlich unter schwierigen Bedingungen lebten. Institutionelle Betreuung konnte in Einzelfällen Schutz bieten. In der Praxis jedoch bedeutete sie häufig die Einweisung in Einrichtungen, in denen Gewalt, Missbrauch und rigide Disziplin verbreitet waren.
Aspergers Vertrauen in die Ordnung und Hierarchie solcher Institutionen führte dazu, dass er sie häufig als bessere Alternative betrachtete. Seine Leitvorstellung war eine „überlegene Führung“, die durch Disziplin und klare Autorität die Entwicklung der Kinder lenken sollte. Dieses Modell setzte auf Kontrolle statt auf Anpassung der Lebensumstände.
Ein besonders drastisches Beispiel zeigt die Konsequenzen dieser Haltung: Ein Jugendlicher wurde in ein Arbeitslager für „arbeitsscheue“ Jugendliche geschickt, in der Erwartung, dass harte Disziplin und Zwangsarbeit seine Probleme beheben würden. Auch wenn solche Fälle nicht die Regel waren, verdeutlichen sie den autoritären Kern seines pädagogischen Ansatzes.
Nachkriegszeit und Selbstdeutung
Über Aspergers unmittelbare Nachkriegsjahre ist vergleichsweise wenig bekannt. Während der letzten Kriegsphase diente er in militärischen Einheiten auf dem Balkan. Seine späteren Aussagen zu dieser Zeit sind zurückhaltend und betonen vor allem persönliche Erfahrungen unter extremen Bedingungen, ohne auf größere Zusammenhänge einzugehen.
Diese Selbstdeutung fügt sich in ein Gesamtbild, in dem belastende Aspekte der eigenen Rolle nur indirekt oder gar nicht thematisiert werden. Die zuvor gezeigten Befunde machen jedoch deutlich, dass seine Tätigkeit nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit den Strukturen und Logiken eines Systems verbunden war, das weit über individuelle Entscheidungen hinausging.
Nachkriegszeit: Kontinuität und Schweigen
Nach dem Ende des Krieges kehrte Asperger an die Wiener Kinderklinik zurück. Trotz der politischen Umbrüche konnte er seine Position ohne größere Brüche fortführen. Entscheidend war dabei, dass er nie formell Mitglied der NSDAP gewesen war. Seine Zugehörigkeit zu angeschlossenen Organisationen blieb ohne schwerwiegende Konsequenzen. Während viele Kollegen mit beruflichen Einschränkungen konfrontiert waren, blieb seine Karriere weitgehend intakt.
Er behielt die Leitung seiner Abteilung, übernahm zeitweise sogar die Führung der gesamten Klinik und stieg in den folgenden Jahren weiter auf. Schließlich erreichte er eine der angesehensten Positionen seines Fachs. Seine wissenschaftliche und institutionelle Autorität blieb über Jahrzehnte hinweg nahezu unangefochten.
Auffällig ist dabei sein Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. In seinen Schriften und öffentlichen Äußerungen blieb dieses Thema weitgehend ausgeblendet. Wenn er darauf Bezug nahm, geschah dies in allgemeiner und distanzierter Form. Konkrete Verantwortung, institutionelle Zusammenhänge oder die Rolle der Medizin wurden kaum thematisiert.
Diese Zurückhaltung fügt sich in ein breiteres Muster der Nachkriegszeit, in der eine kritische Auseinandersetzung oft vermieden wurde. Selbst in späteren Reflexionen über sein eigenes Leben blieb die Perspektive stark auf persönliche Erfahrungen beschränkt. Die systemischen Dimensionen der Ereignisse treten dabei in den Hintergrund.
Fortbestehende Denkstrukturen
Auch inhaltlich zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität. Die Grundannahmen, die Aspergers Arbeit bereits zuvor geprägt hatten, bleiben weitgehend erhalten. Zentral bleibt die Vorstellung, dass psychische Auffälligkeiten in erster Linie auf angeborene, konstitutionelle Faktoren zurückzuführen sind.
Zwar distanzierte er sich in gewissem Maß von extremen Formen biologischen Determinismus, doch blieb die Bedeutung von Vererbung ein tragendes Element seines Denkens. Pädagogische Maßnahmen konnten seiner Ansicht nach lediglich innerhalb dieser vorgegebenen Grenzen wirken.
Sein Ansatz lässt sich als Mischung aus vorsichtigem Optimismus und grundsätzlichem Pessimismus beschreiben: Einerseits betonte er die Möglichkeit individueller Entwicklung, andererseits sah er viele Kinder als dauerhaft durch ihre „Konstitution“ eingeschränkt. Daraus ergibt sich eine Sichtweise, in der Förderung stets gegen als unveränderlich gedachte Defizite ankämpfen muss.
Auch nach 1945 griff er weiterhin auf Konzepte zurück, die in früheren wissenschaftlichen Traditionen verwurzelt waren. Dazu gehörte die Vorstellung, dass äußere körperliche Merkmale Rückschlüsse auf innere Eigenschaften erlauben könnten. Solche Denkfiguren verbanden biologische Annahmen mit normativen Bewertungen.
Problematische Konsequenzen
Besonders deutlich zeigen sich die problematischen Folgen dieser Perspektive im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Hier neigte Asperger dazu, die Verantwortung zumindest teilweise den betroffenen Kindern zuzuschreiben. Er interpretierte solche Erfahrungen nicht primär als Folge äußerer Gewalt, sondern als Ausdruck einer angeblichen inneren Disposition.
Diese Sichtweise führte dazu, dass Opfer nicht nur unzureichend geschützt, sondern zusätzlich pathologisiert wurden. Fehlende Abwehr oder traumatische Reaktionen wurden als Zeichen von Schwäche oder Defizienz gedeutet, nicht als nachvollziehbare Folgen erlebter Gewalt.
Ein konkreter Fall zeigt diese Kontinuität besonders deutlich. Ein Mädchen, das Opfer sexuellen Missbrauchs geworden war, wurde von Asperger nicht als Schutzbedürftige, sondern als moralisch problematisch charakterisiert. Er empfahl ihre dauerhafte Unterbringung in einer Einrichtung, da er in ihr eine Gefahr für ihre Umgebung sah. Andere Ärzte bestätigten zwar teilweise seine Einschätzung, gelangten jedoch zu weniger drastischen Schlussfolgerungen hinsichtlich ihrer Entwicklungsmöglichkeiten.
Gesamtbild
Aus der Nachkriegsentwicklung ergibt sich ein klares Gesamtbild: Weder institutionell noch konzeptionell kam es zu einem grundlegenden Bruch. Asperger blieb eine prägende Figur seines Fachs, und zentrale Elemente seines Denkens wurden weitergeführt.
Die Vergangenheit blieb weitgehend unaufgearbeitet, während die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit nur in begrenztem Maße verändert wurden. Dadurch setzt sich eine Linie fort, in der pädagogischer Anspruch, biologische Deutung und autoritäre Praxis eng miteinander verbunden bleiben.
Nachwirkungen der Denkweise
Auch nach dem Krieg blieb Aspergers Perspektive stark von der Idee geprägt, dass Verhaltensauffälligkeiten primär auf angeborene Eigenschaften zurückzuführen seien. Selbst schwer belastende Lebensumstände – Krieg, Verfolgung, familiäre Zerstörung – wurden in seinen Diagnosen häufig ausgeblendet oder als nebensächlich behandelt.
Ein Beispiel zeigt die Konsequenzen dieser Haltung besonders deutlich. Ein Jugendlicher, dessen Familie durch Verfolgung auseinandergerissen worden war und der unter extrem schwierigen Bedingungen aufgewachsen war, wurde von Asperger nicht im Kontext dieser Erfahrungen beurteilt. Stattdessen beschrieb er ihn als intellektuell defizitär und charakterlich problematisch. Die daraus resultierende Diagnose führte schließlich zu einer Einweisung in eine Erziehungsanstalt.
Hier wird sichtbar, wie eine einseitige Fixierung auf vermeintliche „Konstitution“ konkrete Lebenswege beeinflussen konnte. Soziale und historische Faktoren, die das Verhalten erklärbar gemacht hätten, blieben unberücksichtigt.
Kritik der heilpädagogischen Praxis
Die später bekannt gewordenen Zustände in entsprechenden Einrichtungen werfen ein zusätzliches Licht auf diese Praxis. Viele Institutionen, die offiziell dem Schutz von Kindern dienen sollten, waren von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung geprägt. Auch Kinder mit Behinderungen waren häufig in isolierten Strukturen untergebracht, in denen ihnen Förderung weitgehend vorenthalten wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine kritische Neubewertung von Aspergers Ansatz notwendig. Seine Betonung angeborener Defizite, seine Skepsis gegenüber Berichten von Missbrauch sowie sein Vertrauen in geschlossene, autoritär geführte Einrichtungen hatten weitreichende Folgen. Kinder wurden nicht nur diagnostisch festgelegt, sondern oft auch dauerhaft aus ihrem sozialen Umfeld entfernt und institutionellen Strukturen übergeben, deren tatsächliche Wirkung häufig destruktiv war.
Zentral war dabei seine Vorstellung von pädagogischer Autorität: die Idee eines überlegenen Erziehers, der durch Disziplin und Kontrolle Entwicklung erzwingen könne. Diese Haltung verstärkte die Tendenz, komplexe soziale Probleme auf individuelle Defizite zu reduzieren.
Schlussfolgerung: Ein problematisches Gesamtbild
Die Analyse der verfügbaren Quellen führt zu einer klaren Revision des lange dominierenden Bildes. Asperger erscheint nicht als konsequenter Gegner des Systems oder als mutiger Verteidiger seiner Patienten, sondern als eine deutlich ambivalentere Figur.
Seine Haltung bewegte sich zwischen Anpassung und begrenzter Distanz. Er profitierte von den strukturellen Veränderungen der Zeit, nutzte die sich bietenden Möglichkeiten und fügte sich in die bestehenden institutionellen Zusammenhänge ein. Die nationalsozialistischen Behörden betrachteten ihn zunehmend als zuverlässig und kooperationsbereit.
Seine Entscheidungen sind vor dem Hintergrund seiner ideologischen Prägung verständlich. Die Verbindung aus katholischen und völkisch-nationalen Elementen bot genügend Überschneidungen mit zentralen Aspekten des Systems, um eine Anpassung zu erleichtern. Auch ohne offene Parteinahme konnte er sich innerhalb dieser Ordnung etablieren.
Sein Verhältnis zum Antisemitismus bleibt widersprüchlich. Einerseits zeigen seine beruflichen und persönlichen Kontakte eine gewisse Distanz zu offenen Feindbildern. Andererseits finden sich in seinen Diagnosen Hinweise auf stereotype Wahrnehmungen sowie eine auffällige Gleichgültigkeit gegenüber der konkreten Verfolgungssituation jüdischer Kinder.
Insgesamt ergibt sich das Bild eines Arztes, der weder als klarer Täter noch als Widerstandskämpfer einzuordnen ist, dessen Handeln jedoch in entscheidenden Momenten mit den Logiken eines Systems übereinstimmte, das auf Aussonderung und Bewertung von Leben beruhte.
Anpassung und Grenzen der Heilpädagogik
Nach 1938 positionierte sich Asperger zunehmend als jemand, der mit den Grundlinien des Systems übereinstimmte. In Vorträgen und Veröffentlichungen bekundete er seine Zustimmung zu zentralen gesundheitspolitischen Zielen und verband dies mit der Forderung nach verstärkter Unterstützung für Kinder, die als schwierig oder gefährdet galten. Diese Argumentation wich zwar in Nuancen von radikaleren Positionen ab, wurde jedoch offensichtlich nicht als Kritik verstanden. Vielmehr entsprach sie einem weit verbreiteten Konsens: Kinder sollten, soweit möglich, in die Gemeinschaft integriert und für sie nutzbar gemacht werden.
Diese Logik blieb auch nach dem Krieg bestehen. Die Betonung des gesellschaftlichen Nutzens war keine taktische Anpassung, sondern ein strukturelles Element seines Denkens. Auch die Gruppe der von ihm beschriebenen Kinder profitierte davon nicht pauschal. Entscheidend blieb stets die individuelle Einschätzung ihrer Leistungsfähigkeit.
Der eigentliche Prüfstein lag jedoch nicht bei denjenigen mit Entwicklungspotenzial, sondern bei den schwerst beeinträchtigten Kindern. Für sie bot das System keine pädagogische Perspektive. Schon lange vor dem Nationalsozialismus waren solche Fälle aus dem Aufgabenbereich der Heilpädagogik ausgegrenzt worden. Die Disziplin verstand sich vielmehr als Instanz, die zwischen förderbaren und nicht förderbaren Kindern unterscheiden konnte.
Gerade hier bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Was geschieht mit jenen, für die keine Entwicklung möglich erscheint? In der Praxis zeigte sich, dass die Versprechen der Förderung für diese Gruppe keine Bedeutung hatten.
Entscheidungen am Rand des Systems
Die dokumentierten Einzelfälle legen nahe, dass Asperger in bestimmten Situationen bereit war, die Tötung schwer beeinträchtigter Kinder als letzten Ausweg zu akzeptieren. In solchen Fällen spielte die Situation der Eltern eine Rolle, doch die ärztliche Empfehlung blieb entscheidend.
Besonders deutlich wird seine Beteiligung an Auswahlprozessen in einem Verfahren, bei dem Kinder systematisch nach ihrer „Erziehbarkeit“ eingestuft wurden. Ein Teil von ihnen wurde als aussichtslos klassifiziert und später getötet. Auch wenn die unmittelbare Verantwortung bei anderen lag, zeigt sich hier eine aktive Mitwirkung an einem System, das medizinische Einschätzung in tödliche Konsequenzen übersetzte.
Gleichzeitig ist festzuhalten, dass die Mehrheit seiner Patienten nicht unmittelbar von solchen Maßnahmen betroffen war. Dennoch hatten seine Diagnosen erhebliche Auswirkungen. Sie bestimmten darüber, ob Kinder in ihren Familien bleiben konnten oder in Institutionen untergebracht wurden, die häufig von Gewalt geprägt waren.
Der Vergleich mit anderen Ärzten zeigt dabei ein überraschendes Ergebnis: Aspergers Bewertungen fielen oft strenger aus als die seiner Kollegen. Seine Diagnosen konnten Kinder stärker belasten und ihre Chancen auf ein weniger restriktives Umfeld verringern.
Selektive Distanz
In einem Punkt zeigt sich jedoch eine gewisse Zurückhaltung. Im Vergleich zu anderen vermied Asperger häufig direkte Verweise auf erbbiologische Kategorien, die drastische Maßnahmen hätten legitimieren können. Auch explizite Empfehlungen zur Sterilisation sind in seinen Unterlagen selten.
Dies bedeutet jedoch keine grundsätzliche Ablehnung. In einzelnen Fällen arbeitete er mit den zuständigen Stellen zusammen und lieferte Informationen, die entsprechende Maßnahmen ermöglichen konnten. Seine öffentliche Haltung zur Sterilisation blieb ambivalent: Zustimmung zum Prinzip, verbunden mit der Forderung nach vorsichtiger Anwendung.
Angesichts der historischen Situation relativiert sich die Bedeutung dieser Zurückhaltung zusätzlich. Die entsprechenden Maßnahmen wurden in Österreich begrenzt umgesetzt, und ein Verzicht auf Meldungen war keineswegs ungewöhnlich.
Nachkriegszeit und Bewertung
Nach dem Krieg blieb eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit aus. Asperger äußerte sich nur allgemein zu moralischen Fehlentwicklungen und vermied konkrete Stellungnahmen zu Verfolgung und Gewalt. In dieser Hinsicht entsprach er einem verbreiteten Muster der Nachkriegsgesellschaft.
Auch in seiner fachlichen Arbeit setzten sich zentrale Denkfiguren fort. Kinder aus schwierigen Verhältnissen wurden weiterhin als konstitutionell beeinträchtigt eingeordnet und häufig in geschlossene Einrichtungen überführt.
Eine abschließende Bewertung muss daher differenziert ausfallen. Asperger war weder ein offener Gegner des Systems noch ein ideologischer Fanatiker. Gleichzeitig zeigen die Quellen deutlich, dass er sich an dessen Logiken anpasste und in entscheidenden Bereichen mit ihnen kooperierte.
Seine wissenschaftlichen Leistungen bleiben davon unberührt, sind jedoch untrennbar mit dem historischen Kontext verbunden, in dem sie entstanden. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Kontext eröffnet die Möglichkeit, die Geschichte des Begriffs und der damit verbundenen Praxis bewusster zu reflektieren.
Der folgende Text basiert auf dem wissenschaftlichen Artikel
“Hans Asperger, National Socialism, and ‘race hygiene’ in Nazi-era Vienna”
von Herwig Czech (2018, korrigierte Fassung 2021).
Er wurde gekürzt sowie sprachlich neu gefasst.
Die wissenschaftlichen Inhalte bleiben unverändert,
Zitate und Verweise wurden entfernt.
Veröffentlicht im Rahmen der Creative-Commons-Lizenz (CC BY 4.0).

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