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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Zlatko
Die Illusion Des Verstehens

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Zlatko
Es Ist Zeit Mit Den Mythen Ueber Autismus Aufzuraeumen

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Materialien – Perspektiven

Das Geek-Syndrom

Nick, elf Jahre alt, entwirft auf seinem Computer ein eigenes Universum. Einen ersten Planeten hat er bereits vollständig ausgearbeitet: eine ambossförmige Welt namens Denthaim, bevölkert von Gnomen, Göttern und einer dreigeschlechtlichen Spezies. Während er davon berichtet, richtet sich sein Blick immer wieder zur Decke, begleitet von leisen, sich wiederholenden Melodiefragmenten. Er überlegt, Magie als Variante von Quantenphysik zu konzipieren, hat sich jedoch noch nicht endgültig festgelegt. Seine Sprache bewegt sich zwischen poetischer Bildhaftigkeit und pedantischer Präzision, als hätte sich der Geist eines Gelehrten in einem Kind aus dem Silicon Valley verkörpert.

Sein Vater arbeitet als Softwareingenieur, seine Mutter als Programmiererin. Schon früh wurde deutlich, dass ihr Sohn sich anders entwickelt als Gleichaltrige. Er ist fasziniert von Fantasy-Welten, hat jedoch große Schwierigkeiten, Menschen zu „lesen“. Trotz seiner offensichtlichen Intelligenz und Fantasie bleibt er sozial isoliert. Gerade weil ihm verborgene Absichten entgehen, wird er leicht zum Ziel von Spott und Ausnutzung – etwa wenn andere Kinder ihn dazu bringen, gegen Bezahlung in lächerlicher Aufmachung zur Schule zu erscheinen.

Zunächst wurden unterschiedliche Diagnosen erwogen: Angststörung, Sprachprobleme. Erst die Lektüre eines Fachbuchs über das Asperger-Syndrom brachte eine andere Perspektive. Darin beschreibt der Psychologe Tony Attwood Kinder, denen grundlegende soziale und motorische Fähigkeiten fehlen, die Körpersprache kaum deuten können, Blickkontakt vermeiden und sich in ausgedehnten Monologen über eng umrissene, oft technische Themen verlieren. Häufig zeigen sie schon früh ein starkes Bedürfnis nach Ordnung, arrangieren ihre Gegenstände systematisch und reagieren heftig auf Veränderungen ihrer Routinen. Im Jugendalter geraten sie nicht selten in Konflikte mit Autoritäten, da ihnen die feinen Signale sozialer Hierarchien verborgen bleiben. In dieser Beschreibung erkannte die Mutter ihren Sohn wieder.

Das Asperger-Syndrom gehört zum Autismus-Spektrum und gilt als mildere Ausprägung derselben Störung – einer Störung, die in der Populärkultur etwa durch die Figur aus Rain Man bekannt wurde. Innerhalb dieser Einordnung verfügen Menschen mit Asperger häufig über durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Intelligenz, während bei einem großen Teil der übrigen Autismusdiagnosen auch kognitive Einschränkungen auftreten. Nick gehört zu den vergleichsweise privilegierten Fällen: Er kann lesen, schreiben und sprechen, und es ist wahrscheinlich, dass er später ein eigenständiges Leben führen wird. Es erscheint durchaus vorstellbar, dass er – nach den schwierigen Schuljahren – einen eigenen Platz findet, in dem seine Eigenart nicht nur toleriert, sondern möglicherweise produktiv wird.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Kinder, die als schwer betroffen gelten. Ohne gezielte Ansprache verbringen sie ihre Zeit in repetitiven, tranceartigen Zuständen: Sie starren auf Lichtquellen, wiegen sich, stoßen hohe Laute aus oder wiederholen Bewegungen, um ihr Nervensystem zu stimulieren.

Die wissenschaftliche Erfassung des Autismus begann nahezu gleichzeitig auf zwei Kontinenten. Anfang der 1940er-Jahre beschrieb der Kinderpsychiater Leo Kanner in den USA eine Reihe auffälliger Verhaltensweisen bei Kindern. Kurz darauf veröffentlichte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger unabhängig davon eine ähnliche Beobachtung. Beide verwendeten denselben Begriff: Autismus, abgeleitet vom griechischen Wort für „Selbst“, da die Kinder sich in abgeschlossene innere Welten zurückzuziehen schienen.

Während Kanner in den USA großen Einfluss gewann und das Fachgebiet prägte, geriet Aspergers Arbeit außerhalb Europas weitgehend in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte später wurde sie wieder aufgegriffen. Die britische Psychologin Lorna Wing führte schließlich den Begriff Asperger-Syndrom ein und entwickelte die Vorstellung eines Kontinuums, das von schwersten Beeinträchtigungen bis hin zu subtilen sozialen Auffälligkeiten bei hochintelligenten Menschen reicht. In diesem Modell überschneiden sich Autismus, Lernschwierigkeiten und Formen exzentrischer Normalität.

Diese Sichtweise setzte sich erst vergleichsweise spät durch. Die Grenze zwischen klassischem Autismus und Asperger ist bis heute unscharf und hängt stark von diagnostischen Kriterien ab, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Zudem zeigt sich die Störung in unterschiedlichen Kombinationen von Merkmalen, die nicht vollständig übereinstimmen müssen. Dennoch treten typische Schwierigkeiten immer wieder in ähnlichen Bereichen auf: soziale Interaktion, motorische Koordination, sensorische Verarbeitung sowie eine Tendenz zu repetitivem Verhalten.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden Methoden entwickelt, die es betroffenen Kindern erleichtern können, Kommunikationsformen zu erlernen. Diese Verfahren erfordern jedoch einen enormen Einsatz an Zeit, Geduld und Ressourcen. Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute weder eine eindeutig geklärte Ursache noch eine heilende Therapie.

Gleichzeitig zeichnet sich eine Entwicklung ab, die zunehmende Aufmerksamkeit erregt. In Kalifornien ist in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg von Autismusdiagnosen zu beobachten. Anfang der 1990er-Jahre lag die Zahl der erfassten Fälle noch deutlich niedriger, doch innerhalb weniger Jahre begann sie stark anzusteigen. Gegen Ende des Jahrzehnts hatte sich die Zahl mehr als verdoppelt, und zu Beginn der 2000er-Jahre beschleunigte sich dieser Trend weiter. Inzwischen werden täglich neue Fälle registriert, überwiegend bei Kindern.


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Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen. Weltweit steigen die Diagnosezahlen, was sowohl Besorgnis als auch verstärkte Forschungsanstrengungen auslöst. Während Autismus früher als selten galt, wird heute von einer deutlich höheren Verbreitung ausgegangen. Besonders auffällig ist jedoch die Situation in bestimmten Regionen, etwa im Silicon Valley. Dort berichten lokale Einrichtungen, die Familien unterstützen, von einem Anteil klassischer Autismusfälle, der über dem Durchschnitt liegt und Anlass zur Sorge gibt. Fachleute beobachten diese Entwicklung seit Jahren – doch das Ausmaß des Anstiegs hat selbst erfahrene Beobachter überrascht.

Ob in Kalifornien tatsächlich ein drastischer Anstieg von Autismus vorliegt oder lediglich mehr Diagnosen gestellt werden, lässt sich nicht eindeutig klären. Ein zentrales Problem liegt in den diagnostischen Kriterien selbst. Sie sind oft vage formuliert und beruhen auf Einschätzungen, die schwer objektiv zu messen sind – etwa, was genau als „auffällige Beeinträchtigung“ im Blickkontakt oder in der Körpersprache gilt. Wo verläuft die Grenze zwischen normal und auffällig? Diese Unschärfe führt dazu, dass ein und dasselbe Kind von unterschiedlichen Fachleuten unterschiedlich eingeordnet werden kann – einmal als klassischer Autismus, ein anderes Mal als Asperger-Syndrom. Praktisch orientierte Experten raten Eltern deshalb, jene Diagnose zu wählen, die Zugang zu den notwendigen Unterstützungsleistungen ermöglicht.

Dennoch halten viele Fachleute es für unwahrscheinlich, dass der beobachtete Anstieg allein auf veränderte Diagnosepraxis zurückzuführen ist. Zwar besteht weiterer Forschungsbedarf, doch die vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass mehr dahintersteckt als bloße statistische Verschiebungen. Um den Ursachen näherzukommen, werden umfangreiche Datensätze wissenschaftlich ausgewertet. Die Ergebnisse stehen noch aus, doch die Auswirkungen sind bereits spürbar – vor allem im Bildungssystem.

Schulen berichten von deutlich steigenden Zahlen betroffener Kinder und stehen unter Druck, neue Strukturen und Förderangebote zu entwickeln. Pädagogen sehen sich mit Situationen konfrontiert, die sich nicht mehr durch Umklassifizierungen erklären lassen. Für viele ist klar: Die Zahlen sind real gestiegen. Entsprechend wächst der Bedarf an spezialisierten Ressourcen.

Am stärksten trifft diese Entwicklung jedoch die Familien. Intensive Therapien im häuslichen Umfeld können enorme Kosten verursachen und verlangen einen Einsatz, der häufig einem Vollzeitberuf entspricht. Viele Eltern – oft die Mütter – geben ihre Erwerbstätigkeit auf, um die Betreuung zu organisieren. Noch bevor staatliche Unterstützung greift, müssen umfangreiche diagnostische Verfahren durchlaufen werden, was wiederum Zeit und Geduld erfordert. Die wenigen spezialisierten Einrichtungen sind überlastet, Wartelisten von mehreren Monaten sind keine Ausnahme.

Für einige Beobachter ist die Vorstellung, dass es sich lediglich um bessere Diagnostik handelt, nicht mehr haltbar. Sie sprechen offen von einer besorgniserregenden Entwicklung, die weit über statistische Effekte hinausgeht.

Besonders belastend ist für viele Familien die Art und Weise, wie Autismus häufig einsetzt. In den ersten Lebensjahren scheint alles unauffällig zu verlaufen. Die Kinder entwickeln sich normal, beginnen zu sprechen, nehmen Kontakt zur Umwelt auf. Dann kommt es plötzlich zu einem Bruch: Sprache verschwindet, Reaktionen bleiben aus, vertraute Gesichter werden nicht mehr erkannt. Für Eltern fühlt sich dieser Prozess an, als würde ihnen ihr Kind vor den Augen entgleiten.

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Selbst mit intensiver Förderung sind Fortschritte oft mühsam und begrenzt. Manche Kinder erlernen grundlegende Fähigkeiten nur über Jahre hinweg, Schritt für Schritt. Auch bei deutlichen Verbesserungen bleibt der Alltag für die Familien geprägt von einem außergewöhnlich hohen Maß an Aufmerksamkeit und Organisation. Schon einfache Situationen – etwa ein Zahnarztbesuch – erfordern umfangreiche Vorbereitung, da jede Veränderung der gewohnten Abläufe starke Angst auslösen kann.

Diese Erfahrungen haben eine frühere, lange vertretene Theorie endgültig widerlegt: die Vorstellung, Autismus sei die Folge mangelnder elterlicher Zuwendung. Diese Annahme, die einst großen Einfluss hatte, belastete betroffene Familien zusätzlich mit Schuldgefühlen und erschwerte eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Heute gilt sie als klar widerlegt.

Die Frage nach den Ursachen bleibt jedoch weiterhin offen. Diskutiert werden sowohl Umweltfaktoren – etwa bestimmte chemische Belastungen – als auch genetische Einflüsse. Gerade letztere werden von der Forschung als zentral angesehen. Studien zeigen, dass bei eineiigen Zwillingen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass beide betroffen sind. Auch innerhalb von Familien erhöht sich das Risiko deutlich, wenn bereits ein Kind eine entsprechende Diagnose hat. Darüber hinaus treten bei Geschwistern häufiger andere entwicklungsbedingte Besonderheiten auf, die ebenfalls genetische Komponenten aufweisen.

Trotz intensiver Forschung gibt es bislang keine abschließende Erklärung. Klar ist nur: Autismus ist ein komplexes Zusammenspiel biologischer Voraussetzungen und individueller Entwicklung – und eine Herausforderung, die weit über das einzelne Kind hinaus das gesamte soziale Umfeld prägt.

Die beunruhigenden Zahlen aus Santa Clara County führen zu einer kaum zu umgehenden Frage: Wenn genetische Faktoren tatsächlich eine zentrale Rolle spielen – wofür vieles spricht – dann werden Regionen mit einer ungewöhnlich hohen Dichte von Menschen im autistischen Spektrum zu etwas, das für die Forschung von unschätzbarem Wert ist: reale Versuchsfelder für die Beobachtung genetischer Zusammenhänge. Wenn bestimmte Bedingungen nicht überall gleich verteilt sind, sondern sich in einzelnen Gemeinschaften häufen, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Folgen das für die nächste Generation hat.

Eine mögliche Antwort scheint sich bereits in Silicon Valley abzuzeichnen. Ausgerechnet dort, wo einige der einflussreichsten technologischen Entwicklungen der Gegenwart entstanden sind, könnten auch Hinweise auf die Ursachen des Autismus liegen – verborgen in genau jenen genetischen Konstellationen, die außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten begünstigen.

Innerhalb der Branche kursiert seit Langem ein halb ironischer, halb ernster Gedanke: Viele der hochspezialisierten Programmierer in großen Technologieunternehmen bewegen sich in einem Bereich, der zumindest gewisse Überschneidungen mit dem Asperger-Profil aufweist. Gemeint ist damit eine Kombination aus extremer Konzentration, sozialer Zurückhaltung und einer Vorliebe für präzise, technische Detailarbeit. Auch bekannte Persönlichkeiten werden immer wieder öffentlich in diese Richtung interpretiert – meist auf der Grundlage beobachtbarer Verhaltensweisen, die jedoch keinesfalls einer klinischen Diagnose gleichkommen.

Unabhängig von solchen Zuschreibungen lässt sich feststellen, dass sich die Arbeitskultur in technologiegetriebenen Umfeldern in einer Weise entwickelt hat, die bestimmten kognitiven Profilen entgegenkommt. In vielen Bereichen zählt weniger das soziale Auftreten als die Qualität der geleisteten Arbeit. Wer funktionierenden Code schreibt, wird akzeptiert – unabhängig davon, wie unkonventionell sein Verhalten im Alltag erscheinen mag. Die zunehmende Verlagerung von Kommunikation auf digitale Kanäle schafft zudem eine Distanz, die den Umgang mit komplexen sozialen Situationen erleichtert. Flachere Hierarchien und klar definierte Leistungsmaßstäbe reduzieren zusätzliche Unsicherheiten.

Solche Strukturen sind nicht auf die Technologiebranche beschränkt. Auch akademische Milieus haben traditionell Raum für Menschen geboten, die sich stärker auf Inhalte als auf soziale Feinheiten konzentrieren. In diesem Sinne handelt es sich weniger um eine Ausnahme als um eine spezifische Ausprägung eines allgemeinen Musters.

Ein wiederkehrendes Motiv in der Beschreibung autistischer Lebensweisen ist die starke Hinwendung zu klar strukturierten Systemen – Mathematik, Technik, Maschinen. Bereits in frühen Fallstudien wurde auf diese besondere Faszination hingewiesen: auf das Bedürfnis, Ordnung zu schaffen, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und eigene, oft hochdetaillierte Denk- oder Fantasiewelten zu entwickeln. Was zunächst als realitätsfern erscheinen mag, erweist sich im Rückblick nicht selten als Vorgriff auf Entwicklungen, die später ganz selbstverständlich werden.

Gleichzeitig zeigt sich, dass kognitive Stärken und praktische Herausforderungen eng miteinander verknüpft sein können. Während manche Betroffene im Umgang mit abstrakten Systemen außergewöhnliche Fähigkeiten entwickeln, bleiben alltägliche Anforderungen oft schwierig. Viele beschreiben ihr Denken als stark bildhaft oder regelbasiert – ein Prozess, der weniger über Verallgemeinerung als über konkrete Einzelbilder funktioniert. Diese Form des Denkens kann in bestimmten Kontexten von großem Vorteil sein, etwa in der technischen oder gestalterischen Arbeit.

Die enge Verbindung zwischen autistischen Interessen und technologischen Werkzeugen eröffnet zugleich neue Möglichkeiten der Förderung. Computer und digitale Systeme bieten eine Umgebung, die vorhersehbar, konsistent und kontrollierbar ist – Eigenschaften, die für viele Betroffene entscheidend sind. Entsprechend werden technische Hilfsmittel zunehmend gezielt eingesetzt, um Kommunikation und Lernen zu unterstützen.

Doch die Entwicklung hat auch eine weniger beruhigende Seite. Studien deuten darauf hin, dass genetische Merkmale, die bei Erwachsenen mit nur leichten Ausprägungen zu besonderen Fähigkeiten beitragen können, in stärkerer Ausprägung bei Kindern zu erheblichen Beeinträchtigungen führen. Die Grenzen zwischen Begabung und Belastung verlaufen dabei fließend. Was im einen Fall als Vorteil erscheint, kann im anderen zu einer tiefgreifenden Herausforderung werden.

In technologiezentrierten Regionen, in denen sich Menschen mit bestimmten kognitiven Profilen gezielt ansiedeln, könnte sich dieser Effekt verstärken. Hinweise darauf mehren sich: Eltern, die in solchen Umfeldern arbeiten, begegnen einander zunehmend in therapeutischen Einrichtungen und Diagnostikzentren. Was zuvor nur vereinzelt auftrat, scheint sich zu verdichten.

Frühere Annahmen gingen davon aus, dass Autismus selten direkt von Eltern auf Kinder übergeht. Das lag auch daran, dass viele Betroffene früher kaum Familien gründeten. Heute zeigt sich ein differenzierteres Bild. Neben klar diagnostizierten Fällen gibt es ein breites Spektrum milder Ausprägungen, die lange unbemerkt bleiben konnten. Diese erweiterten genetischen Muster könnten eine größere Rolle spielen, als lange angenommen wurde.

Die entscheidende Frage bleibt offen: Handelt es sich um eine zufällige Häufung – oder um ein strukturelles Muster, das sich erst jetzt deutlich abzeichnet? Sicher ist nur, dass die Antwort weitreichende Konsequenzen haben wird – für die Forschung ebenso wie für die betroffenen Familien.

Die alte Redewendung, dass Wahnsinn vererbbar sei, bekommt im Zusammenhang mit Autismus eine eigentümliche Wendung. Nicht selten geschieht es, dass Eltern erst nach der Diagnose ihres Kindes beginnen, sich selbst oder andere Familienmitglieder in einem neuen Licht zu sehen – als Menschen, die möglicherweise ebenfalls irgendwo auf dem Spektrum stehen, wenn auch in milderer Form.

Technologische Zentren wie Silicon Valley wirken dabei wie ein Paradox: Ansammlungen von Einzelgängern, die gerade durch ihre Ähnlichkeiten zueinanderfinden. Wer sich stark für spezifische Themen interessiert und dazu neigt, sich darin zu vertiefen, hat hier deutlich bessere Chancen, Gleichgesinnte zu treffen. Mit der wachsenden Präsenz von Frauen in technischen Berufen entstehen zudem Verbindungen, die früher kaum möglich gewesen wären – Begegnungen zwischen Menschen, die auf vergleichbare Weise denken und arbeiten.

Ein Erklärungsansatz, den einige Forscher diskutieren, ist die sogenannte assortative Partnerwahl: Menschen mit ähnlichen kognitiven Eigenschaften finden zueinander und gründen Familien. Dabei geht es nicht nur um offensichtliche Gemeinsamkeiten, sondern auch um tiefere strukturelle Ähnlichkeiten im Denken. Beziehungen zwischen Menschen mit vergleichbaren Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmustern können stabil sein, gerade weil sie auf einer ähnlichen „Frequenz“ funktionieren.

Das bedeutet jedoch nicht, dass solche Konstellationen die einzige Form von Partnerschaft darstellen. Auch Gegensätze ziehen sich an, und in den letzten Jahren hat sich das Bild des technisch versierten, introvertierten Spezialisten gewandelt. Was früher als exzentrisch galt, ist heute oft mit beruflichem Erfolg verbunden. Menschen, die in früheren Zeiten möglicherweise am Rand der Gesellschaft gestanden hätten, befinden sich nun in Positionen mit hoher Anerkennung und wirtschaftlicher Stabilität – und gründen entsprechend häufiger Familien.

Solche Entwicklungen schließen Umweltfaktoren nicht aus. Autismus gilt als Ergebnis komplexer Wechselwirkungen mehrerer genetischer Komponenten, die möglicherweise eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber äußeren Einflüssen schaffen. Wenn sich bestimmte genetische Merkmale in einer Population verstärken, könnte dies die Anfälligkeit für verschiedene Auslöser erhöhen – auch wenn deren genaue Rolle weiterhin umstritten ist.

In betroffenen Regionen ist die Beobachtung, dass viele Eltern selbst bestimmte autistische Züge aufweisen, längst Teil des Alltags. Gleichzeitig entstehen erste institutionelle Reaktionen: Unternehmen beginnen, Unterstützungsleistungen für betroffene Familien anzubieten, und ganze Wohngebiete werden aufgrund ihrer besonderen Infrastruktur empfohlen. Was sich hier zeigt, ist weniger eine Ausnahme als vielmehr ein Muster, das sich in unterschiedlichen Kontexten wiederholen könnte.

Parallel dazu formieren sich neue Initiativen, die versuchen, die vorhandenen Ressourcen zu bündeln und gezielt in Forschung umzusetzen. Gerade technologisch hochentwickelte Regionen bieten dafür besondere Voraussetzungen – nicht nur durch finanzielle Mittel, sondern auch durch die notwendige Expertise in Bereichen wie Genanalyse und Datenverarbeitung. Ziel ist es, bessere Therapien zu entwickeln, unterstützende Technologien voranzubringen und langfristig vielleicht sogar grundlegende Ursachen zu verstehen.

Dabei rückt eine grundlegende Frage immer stärker in den Mittelpunkt: Wie eng sind außergewöhnliche Fähigkeiten und bestimmte Formen von Beeinträchtigung miteinander verbunden? Einige Forscher gehen davon aus, dass bestimmte kognitive Stärken – etwa in Mathematik, Technik oder abstraktem Denken – eng mit denselben genetischen Faktoren verknüpft sind, die in stärkerer Ausprägung zu Autismus führen können. In milder Form können diese Eigenschaften als Vorteil erscheinen, in stärkerer Form jedoch erhebliche Schwierigkeiten verursachen.

Diese Perspektive führt zu einem Spannungsfeld, das sich nicht einfach auflösen lässt. Wenn bestimmte genetische Varianten sowohl Potenzial als auch Risiko in sich tragen, stellt sich die Frage, wie eine Gesellschaft damit umgehen will. Die Vorstellung, solche Merkmale vollständig zu eliminieren, wird von einigen Experten ausdrücklich abgelehnt. Vielfalt im Denken und in der Wahrnehmung könnte ein zentraler Bestandteil menschlicher Entwicklung sein – auch wenn sie Herausforderungen mit sich bringt.

Bereits frühe Beobachter hatten eine ähnliche Intuition: dass gerade jene Eigenschaften, die Menschen voneinander unterscheiden, auch die Grundlage für besondere Leistungen bilden können. Ein gewisses Maß an Andersartigkeit könnte nicht nur ein Defizit sein, sondern auch eine Quelle von Kreativität und Fortschritt.

Am Ende bleibt ein Bild, das sich nicht auf einfache Gegensätze reduzieren lässt. Autismus erscheint weder ausschließlich als Krankheit noch ausschließlich als Gabe, sondern als Teil eines Spektrums menschlicher Möglichkeiten. Die Aufgabe besteht darin, Wege zu finden, mit dieser Vielfalt zu leben – und sie zu verstehen, ohne sie vorschnell zu bewerten.

Eigenständige Nacherzählung nach Steve Silberman („The Geek Syndrome“, 2001).

Quelle

Stephen Louis Silberman (1957–2024) war ein amerikanischer Journalist und langjähriger Autor sowie Redakteur beim Magazin Wired. Über mehr als zwei Jahrzehnte prägte er dort die Berichterstattung über Wissenschaft und Technologie und wurde 2010 mit dem Kavli Science Journalism Award ausgezeichnet. Bekannt wurde er insbesondere durch seinen Artikel „The Geek Syndrome“, der die Rolle von Autismus im Silicon Valley beleuchtete und große Resonanz fand. Sein Buch Neurotribes (2015) gilt als einflussreiche Darstellung der Autismus- und Neurodiversitätsbewegung und wurde mit dem Samuel Johnson Prize geehrt.

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