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Die Kinder von Hans Asperger – Ein Bericht
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Materialien – Perspektiven

Die Krise des Spektrums: Uta Frith und die Verwandlung des Autismus in Kultur

Bevor das Spektrum seine eigene Kultur hatte

Es ist ein eigentümlicher Moment, wenn eine der Architektinnen eines Systems beginnt, leise an der Konstruktion zu zweifeln, an deren Aufbau sie selbst mitgewirkt hat. Nicht unbedingt, dass sie sie ablehnt, und auch nicht, dass sie sie dramatisch verlässt. Sie betrachtet sie einfach mit wachsender Unsicherheit, als würde etwas in ihrem Inneren nicht mehr so sauber ineinandergreifen wie früher.

Ungefähr in einer solchen Lage scheint sich Uta Frith heute zu befinden.

Nur wenige Forscher haben mehr zur Formung des modernen Verständnisses von Autismus beigetragen. Ihre Arbeiten über kognitive Mechanismen, die Theory of Mind und das Asperger-Syndrom halfen dabei, den Autismus aus den alten moralistischen und psychoanalytischen Deutungsrahmen herauszulösen und in die Sprache der Entwicklungsneurowissenschaft zu überführen. Die deutsch-britische Forscherin gehört zu jener Generation, die den Autismus von einem diffusen psychologischen Rätsel in ein legitimes wissenschaftliches Forschungsfeld verwandelte. Und doch hört man heute, wenn man ihr zuhört, in ihrem Ton nicht Triumph, sondern Zögern. Das Spektrum, deutet sie an, könnte sich inzwischen so weit ausgedehnt haben, dass es überhaupt kein innerlich zusammenhängendes Phänomen mehr beschreibt.

Um zu verstehen, warum eine solche Aussage Gewicht besitzt, muss man zunächst in eine Welt zurückkehren, die heute überraschend fern erscheint.

Als Frith in den 1960er Jahren in London zum ersten Mal autistischen Kindern begegnete, existierte Autismus noch nicht als breite kulturelle Identität. Er tauchte weder in Online-Biografien noch in Diversity-Programmen von Unternehmen, Fernseh-Fangemeinschaften oder Ritualen der Selbstbeschreibung auf. Es gab keinen Diskurs über Neurodiversität, keine TikTok-Diagnostik und keine endlose Sprache des Spektrums, durch die Millionen von Menschen heute sich selbst und andere neu deuten. Autismus gehörte fast ausschließlich in Kliniken, Institutionen und zu ratlosen Familien.

Auch die Kinder selbst unterschieden sich tiefgreifend von vielen der Menschen, die heute unter derselben Bezeichnung in das Spektrum eintreten.

Frith beschreibt Kinder, die unerreichbar wirkten, versunken in eigene, sich wiederholende Welten, unfähig zu gewöhnlicher menschlicher Interaktion, oft mit schwerer Verzögerung der Sprachentwicklung und nicht selten mit intellektuellen Beeinträchtigungen. Einige von ihnen konnten stundenlang komplizierte Puzzles zusammensetzen und blieben dabei auf eigentümliche Weise gleichgültig gegenüber den Menschen um sie herum. In jener Zeit erschien Autismus nicht als Variante der Persönlichkeit, sondern als schwere Entwicklungsstörung – sichtbar, zerstörerisch, unbestreitbar.

Die damals vorherrschenden Erklärungen waren in ihrer Einfachheit oft grausam. Psychoanalytische Theorien genossen noch immer enorme Autorität, und Autismus wurde weithin durch das berüchtigte Bild der „Kühlschrankmutter“ gedeutet – emotional kalte Eltern, die das Kind angeblich dazu brachten, sich vom menschlichen Kontakt zurückzuziehen. Die Grausamkeit dieser Theorie wurde nur von ihrer selbstgewissheit übertroffen. Mütter wurden stillschweigend zu Schuldigen für Zustände gemacht, die in Wahrheit niemand verstand.

Frith gehört zu jener Generation, die begann, diesen Deutungsrahmen aufzubrechen. Was sie anzog, war nicht symbolische Interpretation oder emotionale Mythologie, sondern die Erkenntnis selbst: die Möglichkeit, dass Autismus Unterschiede in der Entwicklung von Geist und Gehirn widerspiegelt und nicht ein verborgenes Familientrauma. Diese Veränderung war Teil einer breiteren intellektuellen Transformation der Psychologie in den 1960er und 1970er Jahren, als Forscher psychoanalytische Erzählungen zunehmend zugunsten von Mechanismen, Informationsverarbeitung, Genetik und schließlich Neurowissenschaft hinter sich ließen.

Und doch gab es von Anfang an eine wichtige Begrenzung – eine, die das gesamte Feld des Autismus bis heute betrifft. Damals hatte Autismus keinen Biomarker – keinen objektiven biologischen Indikator. Einen solchen gibt es auch heute nicht.

Es gibt keinen Bluttest, keinen Scan und keine objektive Schwelle, die autistische von nichtautistischen Köpfen klar trennt. Forscher können Muster, Neigungen und wiederkehrende Verhaltenskonstellationen erkennen, doch die Kategorie selbst bleibt von subjektiven Deutungen abhängig. Diese Unschärfe hatte weit weniger Bedeutung, solange Autismus sich vor allem auf seltene und schwere Fälle von Entwicklungsstörung bezog. Sie wird erheblich destabilisierender, sobald das Verständnis des Spektrums sich ausweitet und breit auf die allgemeine Bevölkerung angewendet wird.


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Und genau diese Ausweitung stand bereits bevor.

Wenn Autismus das Feld der Medizin verließ

Die entscheidende Veränderung ereignete sich nicht in Laboren oder Forschungszentren. Sie ereignete sich kulturell.

Autismus weitete sich nicht einfach deshalb aus, weil Wissenschaftler neue Belege entdeckten, sondern weil immer mehr Menschen begannen, sich selbst innerhalb dieser Kategorie wiederzuerkennen. Irgendwo zwischen Psychiatrie, Medien, Bildung und dem frühen Internet hörte Autismus auf, ausschließlich den Kliniken zu gehören, und trat in das breitere symbolische Leben der Gesellschaft ein.

Diese Transformation veränderte alles. Der Wendepunkt kam allmählich in den 1980er und besonders zu Beginn der 1990er Jahre, als das Asperger-Syndrom durch die Arbeit von Lorna Wing, Uta Frith und die Wiederentdeckung der Texte Hans Aspergers selbst in den englischsprachigen Raum eintrat. Plötzlich bezog sich Autismus nicht mehr nur auf schwer beeinträchtigte Kinder, die in Institutionen und Sonderschulen eingeschlossen waren. Die Kategorie weitete sich aus und begann, Menschen mit flüssiger Sprache, hoher Intelligenz, exzentrischen Gewohnheiten, obsessiven Interessen, emotionalen Asymmetrien und ungewöhnlichen sozialen Stilen einzuschließen.

Zum ersten Mal wurde Autismus mit Erwachsensein und Intellekt vereinbar. Das war eine enorme begriffliche Verschiebung, auch wenn sie anfangs vermutlich nicht so erschien. Die Einführung des Asperger-Syndroms war weder ideologisch noch kulturell motiviert. Die Forscher versuchten, reale Muster zu beschreiben, die ihrer Ansicht nach bis dahin übersehen worden waren. Doch sobald sich die Kategorie öffnete, wurde sie psychologisch bewohnbar auf eine Weise, wie es der klassische Autismus nie gewesen war.

Plötzlich wurde ein neuer Menschentyp sichtbar. Das einsame Kind, besessen von Landkarten oder Eisenbahnfahrplänen. Der brillante, aber sozial unbeholfene Programmierer. Der emotional distanzierte Student, unfähig, in gewöhnlicher Gruppendynamik zu bestehen. Der Erwachsene, der durchs Leben ging mit dem dauernden Gefühl einer strukturellen Unstimmigkeit, als hätten alle anderen ein unsichtbares Handbuch menschlicher Kommunikation erhalten, von dem er irgendwie ausgeschlossen worden sei.

Für solche Menschen hatten frühere Generationen ein anderes Vokabular: exzentrisch, schüchtern, besessen, seltsam, verschlossen, zerstreut, nervös. Manchmal waren diese Beschreibungen grausam. Manchmal fast zärtlich. Aber sie waren keine medizinischen Identitäten.

Die Moderne veränderte diese Sprache allmählich. Und sobald eine diagnostische Kategorie Wiedererkennung anbot, begannen Menschen mit erstaunlicher Geschwindigkeit, in sie einzutreten.

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Dieser Prozess beschleunigte sich durch Kultur weit schneller als durch Wissenschaft. Der Film „Rain Man“ spielte eine enorme symbolische Rolle – nicht weil er das gesamte Spektrum präzise darstellte, sondern weil er dem Massenpublikum ein wiedererkennbares Bild kognitiver Andersartigkeit gab. Danach kamen das Fernsehen, die Online-Foren und schließlich die sozialen Medien. Nach und nach entstand rund um den Autismus ein ganzes narratives Ökosystem – eines, das nicht nur einzelne Menschen beschreiben, sondern auch das persönliche Gedächtnis selbst neu ordnen konnte.

Menschen begannen, ihr Leben rückblickend durch eine diagnostische Sprache neu zu lesen. Isolation in der Kindheit bekam plötzlich eine Erklärung, soziale Erschöpfung wurde zu Maskierung, emotionale Asymmetrie zu Neurodiversität. Familien begannen stillschweigend, Verwandte über Generationen hinweg neu einzuordnen: den distanzierten Onkel, den obsessiven Großvater, den brillanten, aber unmöglichen Vater. Was früher lediglich schwierig oder seltsam erschien, wurde zunehmend als Teil eines verborgenen neurologischen Kontinuums verstanden.

In dieser Ausweitung lag etwas zutiefst Verführerisches, besonders für intelligente einsame Menschen. Das Spektrum bot nicht bloß eine Diagnose, sondern Zusammenhang und Sinn. Es verwandelte verstreute Gefühle der Entfremdung in eine erkennbare Struktur. Der Mensch war nicht länger einfach nur seltsam, defekt, schwach oder sozial gescheitert, sondern gehörte plötzlich zu einer Kategorie mit eigener Geschichte, eigener Sprache, eigener Gemeinschaft und schließlich sogar einer Art moralischer Legitimation.

Parallel dazu weiteten sich auch die diagnostischen Systeme immer weiter aus. Die alten engen Grenzen wurden allmählich durchlässiger und gingen schließlich in das moderne Modell des Spektrums über. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Entscheidung des DSM-5, frühere Unterkategorien zu einer gemeinsamen Diagnose zusammenzuführen: der Autismus-Spektrum-Störung. Die Absicht dahinter war zumindest teilweise human. Offenkundig waren viele Menschen jahrzehntelang übersehen worden, insbesondere Frauen und Personen ohne deutlich erkennbare Sprachstörungen.

Doch jede Ausweitung schuf auch ein verborgenes Problem. Eine Kategorie, die breit genug gemacht wurde, um immer mehr Formen menschlicher Schwierigkeit aufzunehmen, konnte nach und nach genau jene Klarheit verlieren, die sie einst bedeutsam gemacht hatte. Genau an diesem Punkt begann Frith selbst zunehmend unruhig zu wirken.

Wenn die Kategorie begann, ihre Stabilität zu verlieren

Anfangs wirkte die Ausweitung des Spektrums beinahe vollständig human. Mehr Menschen wurden erkannt, mehr Kinder erhielten Unterstützung, und mehr Erwachsene fanden endlich eine Erklärung für Leben, die von Erschöpfung, Isolation, Verwirrung und wiederholtem sozialem Scheitern geprägt waren. Besonders für Frauen – lange Zeit in der Autismusforschung stark unterrepräsentiert – schien die neue Sprache von Maskierung und Camouflaging ganze Jahrzehnte der Unsichtbarkeit zu erklären. Das alte Stereotyp vom Autismus als einer fast ausschließlich männlichen Erscheinung hatte offensichtlich etwas übersehen.

Und doch begann unter dieser sich ausweitenden Anerkennung allmählich eine leisere Frage aufzutauchen: Was hielt das Spektrum eigentlich noch in irgendeiner Form zusammen?

Friths jüngste Äußerungen waren gerade deshalb bemerkenswert, weil sie nicht von einer außenstehenden Person stammten, die den Autismus aus Unwissenheit oder ideologischer Feindseligkeit angriff, sondern von jemandem, der über Jahrzehnte hinweg am Aufbau seines modernen Verständnisses mitgewirkt hatte. Und was sie zunehmend andeutete, war nicht, dass Autismus unreal wäre, sondern dass die Kategorie heute womöglich bereits Formen menschlicher Erfahrung umfasst, die so radikal verschieden voneinander sind, dass ihre innere Kohärenz zu zerfallen beginnt.

Ein Grund dafür, dass diese Frage inzwischen nicht mehr völlig spekulativ klingt, liegt darin, dass auch neuere Forschungen ähnliche Spannungen erkennen lassen. Mehrere groß angelegte genetische Studien deuten inzwischen darauf hin, dass Menschen, die sehr früh in der Kindheit diagnostiziert wurden, und jene, die erst deutlich später eine Diagnose erhielten, möglicherweise nicht einfach nur leichtere und schwerere Punkte auf einem einzigen Kontinuum darstellen. Die Überschneidungen wirken erheblich komplexer. Manche Studien weisen auf teilweise unterschiedliche Entwicklungsverläufe und verschiedene genetische Profile bei früh und spät diagnostizierten Gruppen hin. Nichts davon „widerlegt“ das Spektrum. Aber es bringt Instabilität in die Annahme, dass all diese Fälle notwendigerweise zu einem einzigen einheitlichen Zustand gehören.

Und genau diese Instabilität prägt zunehmend die moderne Diskussion über Autismus. Das Konzept der Maskierung steht im Zentrum dieser Spannung. Nach dem inzwischen sehr einflussreichen Modell der Maskierung lernen viele autistische Menschen – insbesondere Frauen –, ihre Unterschiede sozial zu verbergen, oft um den Preis enormer psychischer Belastungen. Forscher bringen solche Kompensationsstrategien mit Angststörungen, Erschöpfung, Depressionen und chronischer Überlastung in Verbindung. Für viele Menschen beschreibt dieses Modell offensichtlich etwas Reales.

Gleichzeitig erzeugt das Konzept aber auch ein schwieriges erkenntnistheoretisches Problem, das Frith sehr direkt formuliert. Wenn Autismus nicht nur anhand sichtbarer, sondern auch anhand erfolgreich verborgener Symptome diagnostiziert werden kann – wo verlaufen dann eigentlich noch die Grenzen der Diagnose? Ab welchem Punkt wird die Kategorie unüberprüfbar? Die Frage ist gerade deshalb unbequem, weil offenbar beide Seiten bestimmte Wahrheiten enthalten.

Dieselbe Spannung zeigt sich auch an anderen Stellen des Spektrums. Unter demselben diagnostischen Dach existieren heute gleichzeitig nichtsprechende Kinder, die permanente Betreuung benötigen, hochbegabte Erwachsene, die an beruflicher Erschöpfung zusammenbrechen, Menschen mit schwerer sensorischer Dysregulation, sozial funktionierende Fachleute, Personen, die kein gewöhnliches selbstständiges Leben aufrechterhalten können, sowie andere, deren Leiden weitgehend unsichtbar und innerlich bleibt.

Das Leiden selbst ist oft vollkommen real. Genau das macht die Situation so schwierig für ein ehrliches Gespräch. Die Instabilität der Kategorie entwertet nicht automatisch den Schmerz der Menschen innerhalb des Spektrums. Und dennoch entsteht immer stärker der Eindruck, dass vom Spektrum erwartet wird, eine beinahe unmögliche begriffliche Last zu tragen.

Heute fungiert Autismus gleichzeitig als Kategorie von Behinderung, als neurologische Erklärung, als bürokratischer Rahmen, als gemeinschaftliche Identität, als politische Sprache, als Quelle der Selbsterkennung und für viele Menschen sogar als allgemeine Erklärung für ein ganzes Leben, das von Entfremdung geprägt ist.

Das Ergebnis ist eine eigentümliche Atmosphäre, in der beinahe jeder Versuch, die Grenzen genauer zu bestimmen, sofort moralisch gefährlich erscheint. Engere Definitionen riskieren, Menschen auszuschließen, deren Leiden real ist. Doch ihre endlose Ausweitung droht die Kategorie in etwas so Elastisches aufzulösen, dass sie kaum noch klare Unterschiede machen kann zwischen schweren neuroentwicklungsbedingten Störungen, psychologischen Anpassungen, Persönlichkeitsvariationen und der gewöhnlichen Einsamkeit des modernen Lebens.

Das ist der Punkt, an dem sich das Spektrum nicht mehr bloß ausweitet, sondern beginnt, seine innere Stabilität zu verlieren.

Wenn die Gesellschaft lernte, diagnostisch zu sprechen

Irgendwann, beinahe ohne es vollständig zu bemerken, veränderte die moderne Gesellschaft die Sprache, durch die sie diese spezifische menschliche Schwierigkeit deutete.

Frühere Kulturen verfügten über ein anderes Vokabular für Leiden und Andersartigkeit. Die Menschen sprachen in Begriffen wie Temperament, Schicksal, Klasse, Sünde, Entfremdung, Melancholie, Schwäche, Nervosität, Einsamkeit, Exzentrik oder spirituelle Krise. Diese Deutungsrahmen konnten bedrückend, moralistisch und sogar grausam sein. Aber sie verorteten den menschlichen Kampf innerhalb größerer existenzieller und sozialer Erzählungen und nicht innerhalb diagnostischer Systeme.

Die moderne Gesellschaft tut zunehmend das Gegenteil: Sie übersetzt Spannung in Psychologie und Psychologie in Diagnose.

Diese Veränderung beschränkt sich keineswegs nur auf den Autismus, auch wenn gerade dort die Transformation besonders sichtbar wird. Der moderne Mensch lebt in einer Welt, die von therapeutischer und neurologischer Sprache durchdrungen ist. Wir haben nicht einfach soziale Schwierigkeiten – wir maskieren. Wir fühlen uns nicht bloß chronisch fehlangepasst – vielleicht gehören wir zu einem Spektrum. Emotionale Erschöpfung erhält neurokognitive Erklärungen. Einsamkeit wird symptomatisch interpretierbar. Ganze Biografien beginnen sich um den Moment diagnostischer Entdeckung neu zu ordnen.

Nichts davon ist notwendigerweise falsch, und genau das macht das Phänomen so mächtig. Das Leiden ist oft real. Real kann auch die Erleichterung der Wiedererkennung sein. Doch die Diagnose erfüllt zunehmend Funktionen, die weit über die Medizin hinausgehen. Sie verleiht dem Leben narrative Kohärenz. Sie erklärt das Scheitern, ohne es auf moralische Schwäche zu reduzieren. Sie bietet Zugehörigkeit in einer Epoche, in der viele ältere Formen der Zugehörigkeit längst erodiert sind. Für zahllose intelligente isolierte Menschen, besonders für jene, die sich jahrzehntelang strukturell vom gewöhnlichen sozialen Leben getrennt fühlten, beginnt diagnostische Sprache weniger wie Pathologie zu wirken als wie die erste verständliche Karte ihrer selbst.

Die modernen Institutionen verstärken diese Bewegung stillschweigend auf jeder Ebene.

Schulen, Gesundheitssysteme und Bürokratien benötigen Kategorien. Unterstützungsstrukturen, Anpassungsmechanismen, Behindertenregelungen, Versicherungssysteme und therapeutische Modelle hängen sämtlich von Klassifikation ab. Menschliche Unschärfe wird dadurch zu einem administrativen Problem. Die Diagnose macht verstreutes Leiden lesbar, dokumentierbar und verwaltbar.

Dadurch entsteht eine enorme gravitative Anziehungskraft hin zur diagnostischen Identität, besonders in Gesellschaften, in denen traditionelle Sinnstrukturen geschwächt worden sind. Religion organisiert die menschliche Erfahrung nicht mehr mit derselben Kraft wie früher. Stabile Klassenidentitäten erodieren. Gemeinschaften fragmentieren sich. Familienstrukturen lockern sich auf. Arbeit wird instabil und psychisch erschöpfend. Immer mehr Menschen bleiben mit sich selbst allein zurück – und mit der Verpflichtung, sich selbst erklären zu müssen.

Die psychologische Sprache dringt in dieses Vakuum ein, und nach ihr folgt die diagnostische.

Das erklärt vermutlich zumindest teilweise, warum der gegenwärtige Diskurs über Neurodiversität eine so starke emotionale Aufladung besitzt. Die Konflikte drehen sich nur selten ausschließlich um Wissenschaft. Es sind zugleich Auseinandersetzungen über Legitimität, Anerkennung, Zugehörigkeit und moralische Sichtbarkeit. Die Diagnose eines Menschen infrage zu stellen, kann erlebt werden wie die Infragestellung einer ganzen gelebten Wirklichkeit. Definitionen einzuengen kann wirken wie ein Ausschluss aus einem mühsam errungenen Rahmen des Selbstverständnisses.

Und gleichzeitig existiert unter der Oberfläche weiterhin eine andere Realität: Die materielle Welt schwerer Behinderung ist nicht verschwunden. Eltern führen nach wie vor endlose bürokratische Kämpfe um Betreuung, Schulen, finanzielle Unterstützung und spätere Unterbringung. Familien brechen weiterhin unter Erschöpfung zusammen. Manche autistischen Menschen bleiben ihr gesamtes Leben hindurch tief abhängig. Das ältere Bild des Autismus ist nicht einfach verschwunden, nur weil sich das Spektrum um es herum ausgeweitet hat.

Und vielleicht liegt genau hier die tiefste Spannung, die die Kategorie verfolgt: Das Spektrum versucht zugleich schwere neuroentwicklungsbedingte Behinderung und die moderne Suche nach psychologischer Selbsterkennung in sich aufzunehmen. Manchmal überschneiden sich diese Realitäten. Manchmal nicht. Doch die zeitgenössische Kultur besteht immer nachdrücklicher darauf, beide durch dieselbe begriffliche Sprache zu beschreiben.

Vielleicht wird die Diskussion gerade deshalb emotional so instabil. Die Debatte betrifft längst nicht mehr bloß diagnostische Präzision. Sie berührt die tiefere Frage, wie der moderne Mensch überhaupt das Recht hat, Leiden, Andersartigkeit, Einsamkeit und Scheitern in einer Gesellschaft zu beschreiben, die für Erfahrungen, die frühere Generationen völlig anders verstanden hätten, zunehmend medizinische Legitimität verlangt.

Die Sprache, die wir nicht mehr verlassen können

In der Position, in der sich Uta Frith heute befindet, liegt etwas beinahe Tragisches.

Nur wenige Menschen haben mehr zur Ausweitung des modernen Verständnisses von Autismus beigetragen. Ihre Arbeit hat entscheidend dazu beigetragen, das Feld des Autismus von moralischer Schuldzuweisung weg und hin zu Erkenntnis, Entwicklung und Neurowissenschaft zu bewegen. Sie gehört zu jener Generation, die für zahllose Menschen die Türen der Anerkennung öffnet – Menschen, die zuvor niemals gesehen worden wären. Und doch spürt man, wenn man ihr heute zuhört, eine wachsende Unsicherheit darüber, was aus dem Spektrum eigentlich geworden ist. Nicht weil das Leiden unreal wäre. Und auch nicht, weil autistische Menschen nicht existieren würden.

Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Kategorie inzwischen mit Bedeutungen aufgeladen erscheint, die weit über ihre ursprünglichen klinischen Grenzen hinausreichen.

Vielleicht ist das von Anfang an unvermeidlich gewesen. Sobald eine Diagnose aufhört, bloß eine medizinische Beschreibung zu sein, und zu einer Weise wird, in der Menschen sich selbst erkennen und erklären, beginnen ihre Grenzen zwangsläufig zu verschwimmen. Menschen treten solchen Kategorien nicht neutral bei, sondern emotional, biografisch und existenziell. Besonders in Gesellschaften, in denen ältere Formen von Identität geschwächt worden sind, beginnt diagnostische Sprache Aufgaben zu übernehmen, die die Medizin allein nicht tragen kann. Sie erklärt, legitimiert, organisiert Erinnerung und verwandelt persönliche Verwirrung in sozial erkennbare Struktur.

Und sobald eine Kategorie eine solche Form von Zusammenhang anbietet, beginnen Menschen sich mit enormer Kraft an sie zu klammern – oft deshalb, weil die Alternative wie eine Rückkehr in Jahrzehnte der Namenlosigkeit erscheint.

Das erklärt auch, warum die gegenwärtigen Debatten über Autismus für Außenstehende so oft seltsam unverhältnismäßig wirken. Die emotionale Aufladung betrifft nur selten allein die Wissenschaft. Unter den Konflikten über Maskierung, Verbreitung, diagnostische Kriterien oder Neurodiversität liegt eine tiefere Angst: Wer besitzt das Recht zu bestimmen, welche Form von Leiden als real gilt und durch welche Sprache der moderne Mensch sich selbst überhaupt beschreiben darf?

Die Schwierigkeit besteht darin, dass beide Seiten dieser Spannung Wahrheiten enthalten, die sich nur schwer zurückweisen lassen. Die Ausweitung des Spektrums hat mit großer Wahrscheinlichkeit vielen lange übersehenen Menschen – insbesondere Frauen und hochfunktionalen Erwachsenen – erstmals ermöglicht, Erfahrungen zu verstehen, die ihr Leben jahrzehntelang geprägt haben. Gleichzeitig droht die fortgesetzte Ausweitung der Kategorie jedoch einen Rahmen hervorzubringen, der so elastisch wird, dass die Unterschiede zwischen schwerer neuroentwicklungsbedingter Störung, Persönlichkeitsvariation, sozialer Erschöpfung, Trauma, Entfremdung und gewöhnlicher menschlicher Andersartigkeit allmählich verschwimmen.

Die moderne Gesellschaft scheint zutiefst unfähig zu sein, eine solche Unschärfe auszuhalten. Sie bevorzugt erkennbare Mechanismen, Kategorien und Erklärungen. Die Diagnose erscheint sicherer als Unsicherheit – kontrollierbarer, wirksamer, vielleicht sogar mitfühlender.

Und doch passen menschliche Wesen nur selten sauber in die Systeme hinein, die zu ihrer Klassifikation geschaffen worden sind.

Unter der gesamten Debatte spürt man zudem eine größere kulturelle Verschiebung, die weit über den Autismus hinausreicht. Eine Gesellschaft, die Andersartigkeit einst moralisiert hat, beginnt sie zunehmend zu medikalisieren. Erfahrungen, die früher durch Philosophie, Religion, Temperament, Klasse oder Charakter verstanden worden sind, durchlaufen heute therapeutische und neurologische Vokabulare. Das reduziert ohne Zweifel bestimmte Formen von Scham und Angst. Doch zugleich kann es die Sprachen verengen, durch die Menschen sich selbst noch verstehen können.

Und vielleicht liegt genau hier die ungelöste Frage, auf die die gesamte Diskussion über Autismus hinausläuft: nicht, wo das Spektrum beginnt oder endet, und nicht, wer „wirklich“ zu ihm gehört.

Sondern was mit einer Kultur geschieht, wenn die Diagnose selbst zu einem der wichtigsten Wege wird, durch die Menschen Identität, Legitimität, Zugehörigkeit und Selbstverständnis erlangen.

Das Spektrum mag diese Ausweitung überleben. Es könnte sich jedoch ebenso gut in Untertypen aufspalten oder sich schließlich in völlig neuen Kategorien auflösen. Niemand weiß das wirklich.

Sehr viel sicherer scheint nur eines: dass das Bedürfnis, das diese Ausweitung antreibt – das Bedürfnis nach Anerkennung in einer zunehmend atomisierten Gesellschaft, die von psychologischer Selbsterklärung besessen ist –, so bald nicht verschwinden wird.

Zlatko Enev ist ein in Bulgarien geborener Schriftsteller, Herausgeber und Philosoph, der seit 1990 in Berlin lebt. Er promovierte in Philosophie an der Universität Sofia und ist Autor mehrerer Bücher aus den Bereichen Belletristik, Essayistik und Kinderliteratur. Sein Werk ist geprägt von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Erinnerung, Identität und den Grenzen kultureller Narrative. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betreibt er die bulgarischsprachige Plattform Либерален преглед (Liberale Rundschau), die sich der Veröffentlichung längerer analytischer und essayistischer Texte widmet.

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